Wolfsburg (dpa) - In ungewöhnlich scharfer Form hat sich Martin Kind von einem Teil der eigenen Anhänger distanziert. Die Schmähungen des ehemaligen 96-Spielers Emanuel Pogatetz machten den Clubchef wütend. Sie sind eine weitere Entgleisung.

Mirko Slomka tat so, als habe er nichts gehört. «Ich konzentriere mich nicht darauf, was die Fans singen», antwortete Hannovers Coach auf die Frage nach den üblen Schmäh-Gesängen der 96-Fans. Dabei war schwer zu überhören, dass Hunderte Anhänger den von Hannover zum VfL Wolfsburg gewechselten Profi Emanuel Pogatetz am Sonntag beim 4:0-Sieg unflätig beschimpft hatten. «Pogatetz - du Sohn einer Hure», sangen sie unter anderem.

Martin Kind gab sich keine Mühe, seinen Unmut zu verbergen. Selbst die Freude über den höchsten Derby-Sieg gegen Wolfsburg und eine grandiose Galavorstellung seines Teams konnte den Clubchef nicht milder stimmen. In ungewohnter Schärfe urteilte Kind: «Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher.»

Selten hat ein Bundesliga-Funktionär sich derart drastisch über die eigenen Anhänger geäußert. Für Kind waren die Schmähungen der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der 96-Chef ärgert sich seit längerer Zeit und liegt mit dem unangenehmen Teil der Anhängerschaft auf Konfrontationskurs.

Fast 100 000 Euro hat der Verein in der Vorsaison an Strafen zahlen müssen, vor allem wegen des Einsatzes der verbotenen Pyrotechnik. Kind hatte bereits gedroht, dass er die Geldbußen zukünftig auf die Eintrittspreise aufschlagen will; bei der gerade angefangenen Spielzeit hat er darauf noch verzichtet.

200 bis 250 Personen sind es nach Kinds Einschätzung, die Probleme bereiten. «Wir nennen sie nicht mehr länger Fans», sagte der 96-Boss. In dieser Gruppe vermuten die Verantwortlichen auch jene, die sich am vergangenen Donnerstag handgreifliche Auseinandersetzungen mit gewaltbreiten Anhängern von Europa-League-Gegner Slask Breslau geliefert hatten.

Und zu diesen Ultras zählen auch diejenigen, die beim ersten Bundesliga-Heimspiel gegen Schalke 04 wieder einmal eine Fahne mit dem Konterfei des Serienmörders Fritz Haarmann geschwenkt hatten. «Eine Geschmacklosigkeit», nennt das Kind - Haarmann hatte in den 20er Jahren in Hannover 24 Menschen getötet.

Insofern waren die Schmähungen von Pogatetz nur ein weiteres Mosaiksteinchen im Bild der hässlichen Hannover-Fans. Für Kind war auch das eine «schlimme Entgleisung», die Rufe beurteilte er als «inakzeptabel und unappetitlich».

Doch was soll der Club tun? «Die sollen zu Hause bleiben», forderte Kind und offenbarte damit eine gewisse Form von Ohnmacht. «Wir müssen Klarheit schaffen», sagte er auch, konnte jedoch nicht erklären, wie das passieren soll.

Immerhin: Auf der vereinseigenen Internetseite entschuldigte sich der Verein offiziell bei Pogatetz. Der sonst hartgesottene Spieler wirkte geschockt. «Das ist sehr enttäuschend», sagte der um Fassung ringende Verteidiger und meinte damit nicht die sportliche Demütigung seines neuen durch seinen alten Clubs: «Das hätte ich so nicht erwartet.»

Die Koordinationsstelle der Fanprojekte in Deutschland (KOS) hingegen hat die Reaktion von Hannovers Clubchef Martin Kind auf die Schmähgesänge Hunderter 96-Anhänger im Spiel beim VfL Wolfsburg kritisiert. «Präsidenten, Trainer oder Manager haben auf diesem Feld eine wahnsinnig große Verantwortung. Wir glauben, dass es besser ist, mit den Fans zu sprechen, als über sie zu sprechen», sagte der Leiter der KOS, Michael Gabriel, am Montag in Frankfurt am Main.

Gabriel räumt vor dem Hintergrund der Fälle Pogatetz und Pezzoni ein, dass «der Respekt von Teilen der Zuschauerschaft gegenüber den Spielern geringer geworden ist» und dass sich auch «die Schwelle von Äußerungen bis hin zu körperlicher Gewalt negativ verschoben habe». Die Fanprojekte in Deutschland sind aber der Meinung, dass solche Probleme nur zu lösen sind, wenn die Vereine einen intensiven Kontakt zu ihren Anhängern pflegen. «Ich denke, dass sich Vereine vielerorts scheuen, in Konfliktgespräche zu gehen», meinte Gabriel.

Statement auf 96-Homepage