London (SID) - Mathias Mester könnte am Freitag den Gold-Hattrick für seine Trainerin Steffi Nerius perfekt machen, doch bei den Paralympics gibt der 25-Jährige seinen größten Vorteil ab. Denn unter anderen Kleinwüchsigen wird der Leverkusener nicht mehr unterschätzt. "Ansonsten werde ich eigentlich immer und überall unterschätzt", sagt der 1,42 m kleine Leichathlet dem SID.

Doch wer den pfiffigen Mester unterschätzt, macht einen Fehler. "Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die wirklich problematisch für mich sind", sagt er: "Im Supermarkt komme ich nicht an die hohen Regale. Und Kleider kaufen ist auch schwierig."

Dass ihn die Mitmenschen trotzdem unterschätzen, nutzt er häufig gnadenlos aus. "Im Fußball habe ich sogar schon mal ein Kopfballtor gemacht", sagt er schmunzelnd: "Nach einer Ecke in der A-Jugend."

Fußball ist die große Leidenschaft der Mesters. Mathias' Vater schaffte es bis in die Oberliga, zwei Cousinen spielen Bundesliga, er selbst schaffte es trotz der körperlichen Nachteile immerhin bis in die Kreisliga. "Die anderen haben immer zu mir gesagt, es sei schwer, gegen mich zu spielen, weil ich Haken schlage wie ein Hase", erklärt er lächelnd: "Aber Welpenschutz hatte ich nicht. Irgendwann, wenn es ihnen zu dumm wurde, haben sie mich einfach umgegrätscht."

Zum Profi reichte es mit 1,42 m natürlich nicht, aber als Leichtathlet offenbarte Mester schnell außergewöhnliches Talent. Gefördert in den Wurfdisziplinen von Nerius, frühere Weltmeisterin und Olympia-Zweite mit dem Speer, die in London schon Weitspringer Markus Rehm und Diskuswerfer Sebastian Dietz zu Gold führte. "Eine bessere Trainerin kann man nicht haben", sagt Mester, der in London in der Paradedisziplin seiner Trainerin startet, begeistert.

"Steffi habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt hier bin", sagt er. Denn sein Rücken machte ihm in den letzten beiden Jahren schwer zu schaffen. Einer Wirbelsäulen-OP folgte im April ein Bandscheibenvorfall. "Als es Peng gemacht hat, war mir eigentlich klar, das war es mit den Paralympics", sagt Mester: "Der Arzt hat auch gesagt, das kriegen wir nicht hin. Aber Steffi war immer an meiner Seite und hat nie aufgegeben."

Noch heute bereitet das Werfen ihm Schmerzen, aber Nerius überedete ihn, dennoch mit ins Trainingslager zu kommen. "Sie hat gesagt, versuchs doch einfach", erzählt Mester: "Ich habe dann dort zwei Wochen nur Stabilisierungs-Übungen gemacht, und jetzt klappt es."

Ziel für die Spiele ist "eine Medaille, Gold wäre eine tolle Zugabe", sagt der 25-Jährige, der sich auch bei der Taktik an Nerius orientiert. "Steffi hat bei der WM 2009 den Titel mit dem ersten Wurf gewonnen. Ich habe das mit einem Freund gesehen und bin vor dem Fernseher total ausgerastet", meint er schmunzelnd: "Und nun will ich es machen wie sie und gleich einen raushauen." Solange der Rücken hält.

Ärgerlich ist für den dreifachen Weltmeister und aktuellen Europameister das Auftauchen von zumindest fragwürdiger Konkurrenz. "Manche sehen aus, als seien sie einfach nur klein, aber nicht kleinwüchsig", versichert er: "Das sieht man an den Proportionen. Sie haben lange Arme und können Dinge aufheben, ohne sich zu bücken. Aber es gibt leider bei uns immer Leute, die nicht dazugehören. Sie zu schlagen, wäre aber doppelt so viel wert."

Es könnte die letzte Chance auf Gold sein für den Bürokaufmann im Bundesverwaltungsamt, der 2008 Silber mit der Kugel gewann. Ob er bis Rio 2016 weitermacht, ist nämlich noch offen. "Nach der Rückengeschichte überlege ich mir das wirklich", sagt er: "Ich möchte nämlich nicht mit 50 rumlaufen wie der Glöckner von Notre Dame."

SID hs om