Berlin (dpa) - Zum zweiten Mal ist das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) zum Theater des Jahres gewählt worden.

Die deutschsprachigen Theaterkritiker verbeugen sich damit vor Matthias Lilienthal (52), der das HAU als Intendant mit innovativen Ideen und sprühender Fantasie zu einem der spannendsten deutschen Theaterorte gemacht hat. Zum Ende dieser Spielzeit hat Lilienthal die Bühne allerdings verlassen, derzeit unterrichtet er Kunststudenten in Beirut.

Zur Schauspielerin des Jahres wurde Sophie Rois (51) von der Berliner Volksbühne gekürt. Schauspieler des Jahres ist Sebastian Rudolph (43) vom Thalia Theater Hamburg, wie aus der der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Kritikerumfrage der Fachzeitschrift «Theater heute» hervorgeht. Insgesamt vier Auszeichnungen gingen nach Berlin. Drei Nennungen gab es für Hamburg in der jährlichen Bestenliste von 42 Kritikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Gleich drei Mal ist die Berliner Volksbühne in der Auswahl vertreten. Ensemblemitglied Sophie Rois wurde für ihre Rolle als hintergangene Senffabrikantengattin Emma Klinke in «Die (S)panische Fliege» geehrt. Regisseur Herbert Fritsch, der das Stück von Arnold & Bach inszenierte und auch die Ausstattung mit einem riesigen Teppich-Trampolin entwarf, wurde zum Bühnenbildner des Jahres gewählt. Als Kostümbildnerin des Jahres wurde Victoria Behr geehrt, die Fritschs Schauspieler in exzentrische Kostüme kleidete.

Vom Thalia Theater Hamburg kommt nicht nur der beste Schauspieler, sondern auch die Inszenierung des Jahres: Nicolas Stemanns Interpretation von Goethes «Faust I + II» (in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen), in der der Schauspieler des Jahres, Sebastian Rudolph, eine der Mephisto-Faust-Rollen spielt. Dramaturg des Jahres wurde Benjamin von Blomberg für seine Arbeit an Stemanns «Faust I + II». Peter Handke schrieb mit seiner Familiensaga «Immer noch Sturm» das deutschsprachige Stück des Jahres.

Das Berliner Hebbel am Ufer mit seinen drei Spielstätten hatte bereits nach Lilienthals erster Spielzeit im Jahr 2004 den begehrten Titel Theater des Jahres erhalten - als erstes Off-Theater ohne festes Ensemble. Nun wurde auch Lilienthals letzte Spielzeit ausgezeichnet. «Ich mache keinen Unterschied mehr zwischen Film, Performance, Theater und bildender Kunst», beschreibt der Theatermacher seine Arbeitsweise.

Er holte die Dokumentartheater-Macher von Rimini Protokoll ans HAU und ließ die kanadische Sängerin Peaches in Monteverdis «L'Orfeo» auftreten. Gleich zwei HAU-Produktionen wurden zum diesjährigen Theatertreffen deutschsprachiger Bühnen eingeladen: «Hate Radio» des Schweizers Milo Rau - eine ausschließlich über Kopfhörer erlebbare, nachgestellte Hutu-Radiosendung über den Völkermord an den Tutsi. Und «Before Your Very Eyes» der deutsch-britischen Performance-Truppe Gob Squad, in der «echte lebende Kinder» im Zeitraffer erwachsen werden.

Mit «Lust auf etwas Neues» hat Lilienthal seine Entscheidung begründet, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs in den Libanon zu gehen. Lilienthals Nachfolgerin ist die belgische Kuratorin und Produzentin Annemie Vanackere. Im November wird sie die HAU-Spielstätten wiedereröffnen.

Kritik gab es von den Kritikern am Ende auch noch. Als Ärgernis des Jahres nannte die Mehrheit der Theaterkritiker in der Umfrage die «Schlampereien bei der Sanierung des Stuttgarter Schauspielhauses» und den «absurden Hype, den ein geistig unterbelichtetes Buch namens "Kulturinfarkt" auslösen konnte.»

Hebbel am Ufer