Paris/London (dpa) - Das Blutbad mit vier Toten in den französischen Alpen bleibt mysteriös. Noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Der Mord soll Züge einer Kommandoaktion gehabt haben.

Zwei Tage nach der Bluttat mit vier Toten in den französischen Alpen haben die Ermittler das Motiv noch nicht geklärt. Am Freitag sollten in Annecy erste Ergebnisse der Autopsien bekanntgegeben werden, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Die Opfer waren irakisch-stämmige Urlauber aus Großbritannien und ein französischer Radfahrer. Sie wurden erschossen. Zwei Mädchen überlebten das Drama.

In der britischen Presse kursierten Spekulationen über «Auftragsmorde», möglicherweise aus familiären Gründen. Nach Informationen des Senders «Sky News» hatte die Tat Züge einer Kommandoaktion.

Das Mädchen, das wie durch ein Wunder die Mordtat unverletzt überlebte, sei am Donnerstagabend nochmals gehört worden, sagte Staatsanwalt Eric Maillaud der Agentur. Die Vierjährige habe keine weitere Einzelheiten nennen können. «Sie hat Schreie gehört, sie hatte Angst und wollte sich verstecken.» Ihre siebenjährige Schwester, die schwer am Kopf verletzt worden war, sei nach einer zweiten Operation außer Lebensgefahr.

Die Staatsanwaltschaft will Anträge auf Amtshilfe nach Großbritannien und Schweden schicken, um die Identität der Toten festzustellen, hieß es. Die tote Großmutter im Fahrzeug hatte neben einem irakischen einen schwedischen Pass.

Man prüfe auch einen möglichen Streit um Geld zwischen einem der Opfer und seinem Bruder, schrieb AFP unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Dabei sei jedoch Vorsicht geboten. Der Mann lebte mit seiner Frau und den zwei Töchtern in einem Fachwerkhaus im englischen Claygate. Nach BBC-Informationen war er unter anderem für Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrtbranche tätig.

Britische Boulevardzeitungen berichteten, es habe in der Familie einen Erbschaftsstreit mit dem Bruder des getöteten Mannes gegeben. Die «Daily Mail» schrieb weiter, britische Geheimdienste seien eingeschaltet. Dort sei der Name des Mannes bereits bekannt - sowohl der Inlandsgeheimdienst MI5 als auch der Auslandsdienst MI6 hätten seit dem Golf-Krieg von 1991 Akten über den Mann.

Jedes der drei Opfer aus der britischen Familie sei durch zwei gezielte Schüsse in die Stirn gestorben, berichtete der Sender Sky am Freitag unter Berufung auf britische Polizeiquellen. Der französische Radfahrer, dessen Leiche außerhalb des Fahrzeuges gefunden wurde, hatte fünf Schusswunden. Die Aktion soll nicht länger als 30 Sekunden gedauert haben. Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Schüsse von mehreren Schützen abgefeuert wurden.

Die Familie soll nach Angaben aus der Nachbarschaft vergleichsweise plötzlich in ihren Urlaub aufgebrochen sein. Der «Independent» zitierte einen Freund der Familie mit den Worten, die Familie sei «Hals über Kopf» in die Ferien gefahren. Er habe den 50-Jährigen, eines der späteren Opfer, noch auf eine Tasse Kaffee treffen wollen und ihn deswegen angerufen. Am Telefon habe er ihm gesagt, dass er schon nicht mehr auf der Arbeit sei.

Den Angaben des Freundes zufolge war der Iraker mit britischem Pass erst vor kurzem in seiner alten Heimat, um Immobilien zurückzufordern, die seiner Familie vom Regime Saddam Husseins abgenommen worden waren. Er selbst war bereits in den 1970er Jahren nach Großbritannien gekommen und hatte zunächst im Londoner Stadtteil Pimlico gelebt. Laut der schwedischen Zeitung «Aftonbladet» lebte die bei dem Überfall ermordete Großmutter zurückgezogen in Stockholm.