Kairo/Washington (dpa) - Die tödliche Gewalt gegen US-Diplomaten in Libyen droht sich zu einem Flächenbrand in der arabischen Welt auszuweiten.

Aus Empörung über ein Schmäh-Video aus den USA gegen den Propheten Mohammed griffen Demonstranten auch am Donnerstag in Ägypten und im Jemen diplomatische Vertretungen an. Einen Tag nach der Tötung des US-Botschafters in Libyen versuchten Demonstranten in Kairo und Sanaa, die US-Vertretungen zu stürmen. Dabei wurden viele Menschen verletzt.

US-Sicherheitskreise vermuten das Terrornetzwerk Al Kaida hinter den Gewaltexzessen in Libyen. Beobachter befürchten, dass die Ausschreitungen mit dem Freitagsgebet auf weitere Länder in der islamischen Welt übergreifen. Die USA schickten am Donnerstag nach Medienberichten neben einer Einheit von Elitesoldaten auch zwei Kriegsschiffe in Richtung Libyen.

Auch in Tunesien und im Iran gingen erboste Muslime auf die Straßen. Im Gaza-Streifen verbrannten Demonstranten Flaggen der USA und Israels. In Deutschland kündigte die rechtspopulistische Organisation Pro Deutschland an, den höchst umstrittenen Film in Berlin zeigen zu wollen. Die Gruppierung hatte in den vergangenen Monaten bereits mit dem öffentlichen Zeigen von Mohammed-Karikaturen Konflikte mit muslimischen Mitbürgern provoziert.

Bei der Attacke auf das Konsulat in der libyschen Küstenstadt Bengasi waren in der Nacht auf Mittwoch der Botschafter Chris Stevens und drei weitere Amerikaner ums Leben gekommenen. Der neue libysche Regierungschef, Mustafa Abu Schagur, verurteilte den «feigen Angriff» auf das Konsulat in einem Interview mit Nachrichtensender Al-Arabija.

Der Protest in der arabischen Welt war durch einen in den USA produzierten Videofilm ausgelöst worden, in dem der Prophet des Islam als Mörder, Kinderschänder und Frauenheld dargestellt wird. Als Autor, Regisseur und Produzent des Films gilt nach Medienberichten ein gewisser Sam Bacile. Der 52-Jährige, der in Besitz der israelischen und der amerikanischen Staatsbürgerschaft sei, soll für den rund zweistündigen Film fünf Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) von rund 100 jüdischen Spendern eingesammelt haben.

Der inzwischen untergetauchte Provokateur arbeitet nach Medienberichten unter Pseudonym. Der umstrittene amerikanische Pastor Terry Jones, der mit einer Koranverbrennung weltweit für Proteste gesorgt hatte, wollte den Film in den USA öffentlich zeigen.

In den USA wurden Spekulationen über eine Verwicklung des Terrornetzwerkes Al-Kaida in den Angriff im libyschen Bengasi laut. Es könne sich um einen gezielten Anschlag der Gruppe am 11. September gehandelt haben - dem elften Jahrestag ihrer Terrorangriffe auf die USA, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Abgeordnetenhaus, Mike Rogers, in einem Fernsehinterview.

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi forderte in einem Telefongespräch mit US-Präsident Barack Obama, das provozierende Verhalten des Video-Produzenten zu stoppen. Der Repräsentant der Muslimbrüder verurteilte zugleich die Angriffe auf die US-Botschaft in Kairo und das Konsulat in Bengasi.

«Das ägyptische Volk ist ein sehr zivilisiertes Volk, und das ägyptische Volk lehnt solch gesetzloses Handeln ab», sagte Mursi am Donnerstag nach einem Besuch der EU-Kommission in Brüssel. Die ägyptische Muslimbruderschaft hat für diesen Freitag zu Protesten gegen den Film aufgerufen.

Teilnehmer der Protestaktion in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa sagten, Wachleute hätten die Demonstranten mit Schüssen daran gehindert, auf das Gelände der Botschaft vorzudringen. Einigen sei es trotzdem gelungen. Diese seien festgenommen worden, meldete das jemenitische Nachrichtenportal Barakish.net. Unter den Protestierenden seien Angehörige der schiitischen Houthi-Bewegung, hieß es. Lokale Medien sprachen von mehreren Verletzten.

In Kairo kam es vor der US-Botschaft erneut zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Dort wurden laut Gesundheitsministerium 13 Menschen verletzt. Die Sicherheitskräfte in Kairo setzten Tränengas ein, als Demonstranten versuchten, zu dem Botschaftsgebäude im Stadtteil Garden City vorzudringen. Die Demonstranten warfen Steine.

In der iranischen Hauptstadt Teheran protestierten Studenten gegen den Film. Sie versammelten sich vor der Botschaft der Schweiz, die im Iran die Interessen der USA vertritt. Einer der Studenten sagte: «Der Film kann nur eine Kriegserklärung gegen den Islam und die Muslime sein, denn gegen diese absichtliche Beleidigung sind die Satanischen Verse und die Mohammed-Karikaturen Kinderkram.»