Berlin - Der einstige Boss im Peloton reißt die gesamte Branche mit in den Abwärtsstrudel. Wegen der schockierenden Dopingenthüllungen der vergangenen Tage um Lance Armstrong zieht sich der altgediente Sponsor Rabobank zum Jahresende aus dem Radsport zurück.

Wie das Team mitteilte, werden allerdings die Verpflichtungen weiter erfüllt. Ein neuer Namensgeber der Mannschaft wird gesucht, die ansonsten ohne Sponsorenbeflockung starten soll. Als deutscher Profi ist Paul Martens betroffen und der gerade ins Management gewechselte Grischa Niermann.

Außerdem hält die Geständniswelle nach den Armstrong-Akten weiter an: Ex-Profi Stephen Hodge trat von seinem Amt als Vizepräsident des australischen Verbandes zwei Tage nach der Demission des Sportdirektors Matt White zurück und gestand Dopingmissbrauch.

«Uns tut das Herz weh, aber wir sind nicht mehr überzeugt, dass der Profiradsport zu einem sauberen und fairen Sport werden kann», sagte Bert Bruggink von der Rabobank. «Ihr wart Teil des Problems. Wie kann man sich erdreisten, sich jetzt von euren jungen, sauberen Fahrern abzuwenden, die Teil der Lösung sind», twitterte Garmin-Profi und Buchautor David Millar erbost, der sich nach seiner Verurteilung 2004 zu einem ernstzunehmenden Anti-Doping-Aktivisten gewandelt hatte. Die Nachwuchs-Abteilung, in der auch Erik Zabels Sohn Rick fährt, wird unter die Regie des Niederländischen Verbandes gestellt.

Topsprinter Marcel Kittel aus dem Shimano-Konkurrenzteam hofft nun auf den «T-Mobile-Effekt» in den Niederlanden. Am Freitag twitterte er: «Denkt an T-Mobile. Die sind auch ausgestiegen, haben sich in Highroad umgewandelt und wurden DAS Topteam - das ist eine Chance.»

2008 musste Telekom eine hohe Ausstiegssumme zahlen, weil das Bonner Unternehmen vertraglich noch länger an das Radteam gebunden war, aber nach der Doping-Affäre Fuentes unbedingt raus wollte. Eine ähnliche Lösung ist jetzt auch bei Rabobank denkbar; die Niederländer waren 17 Jahre im Profiradsport aktiv.

Erst am Donnerstag war ein Rabobank-Fahrer ins Visier der Fahnder geraten. Gegen den Spanier Carlos Barredo wurde ein Verfahren wegen Unregelmäßigkeit in seinem Blutpass eröffnet. Am meisten Aufsehen hatte Rabobank aber 2007 erregt, als das Team Michael Rasmussen im Gelben Trikot aus der Tour de France nahm, weil der Däne Dopingkontrolleure mehrmals über seinen Aufenthaltsort getäuscht hatte. Rasmussen fährt heute im Drittliga-Team Christina Watches.

Der Radsport-Weltverband UCI hat den Rückzug des Geldinstituts in einer Stellungnahme bedauert und gleichzeitig für «viele erfolgreiche Jahre der Partnerschaft» gedankt. Der in der Doping-Affäre Armstrong selbst stark in die Schusslinie geratene Verband unterstrich «in dieser schwierigen Periode», alles zu tun «im Kampf gegen Doping» und für «komplette Transparenz bei Verletzungen der Anti-Doping-Bestimmungen» zu sorgen.

Mehrere Zeugen im USADA-Bericht hatten über Manipulationen der UCI zugunsten Armstrongs bei positiven Doping-Tests berichtet. Zudem konnte die UCI bis heute nicht schlüssig erklären, weshalb 2001 nach dem angeblich vertuschten Dopingtest der Tour de Suisse 125 000 Dollar von Armstrong an den Verband geflossen waren.

Der französische Ex-Profi Christophe Bassons, der sich im Anti-Doping-Kampf engagiert, nahm Armstrong in Schutz. «Auf eine Art ist er ein Opfer», sagte er der «L'Équipe». Bassons war größten Anfeindungen des Texaners ausgesetzt, weil er in einem Prozess gegen den Armstrong-Arzt Michele Ferrari ausgesagt hatte. 1999 war der zweitklassige Profi von Armstrong persönlich an einem Ausreißversuch bei der Tour gehindert worden. Danach stieg er aus dem Rennen aus.

«Die große Gefahr» sei laut Bassons, dass der Radsport so weitermacht wie nach der Festina-Affäre 1998. Dann würde die augenblickliche öffentliche Empörung «bald wieder einschlafen».

Rabobank-Mitteilung