Berlin (dpa) - Microsoft setzt alles auf eine Karte: Weltweit geht am Freitag das neue Betriebssystem Windows 8 an den Start. Für Microsoft ist die Software ein fundamentaler Neuanfang und die große Hoffnung in schwerer Zeit. Windows gilt traditionell als eines der wesentlichen Säulen des Geschäfts für das Unternehmen.

Im gerade abgeschlossenen Quartal sackte der Gewinn allerdings dramatisch um die Hälfte ab, der Umsatz schrumpfte um ein Drittel. Mit Windows 8 will der Konzern nun das Ruder herumreißen und einen fundamentalen Neuanfang wagen.

So wichtig dürfte der Erfolg für Microsoft noch bei keiner anderen Produkteinführung gewesen sein. «Wir haben Windows völlig neu erfunden», betonten Microsoft-Chef Steve Ballmer und Windows-Oberhaupt Steven Sinofsky wiederholt. Kaum etwas erinnert auf der Benutzeroberfläche noch an die Vorgängerversionen. Mit wesentlichen Anleihen von der Mobil-Plattform Windows Phone verzichteten die Softwaredesigner erstmals sogar auf den legendären Startbutton. Das neue Kacheldesign ist für die Benutzung auf Tablets und die Navigation mit dem Finger optimiert.

Und gerade hier, im boomenden Tablet-Markt, liegt für Microsoft die große Hoffnung. Das Unternehmen hinkt hier bereits seit geraumer Zeit hinterher. Zwar erkannte Microsoft-Gründer Bill Gates früh das Potenzial der Geräteklasse und war vor Jahren treibende Kraft in dem aufkeimenden Markt. Der Erfolg ließ allerdings auf sich warten. Erst Apple konnte mit seinem iPad den Markt wirklich erschließen. Zweieinhalb Jahre nach dem Start der ersten Generation beherrscht das iPad weiterhin das Geschäft. Auch bei Smartphones, wo Googles Betriebssystem Android klar führt, hatte Microsoft zuletzt kein Glück. Windows Phone 8, das am kommenden Montag auf den Markt kommt, soll dem ein Ende setzen.

Weltweit steht der PC-Markt, die Domäne von Microsofts Windows, unter Druck. Allein das Geschäft mit Smartphones und Tablets treibt die Branche derzeit an, wie für Deutschland kürzlich auch der Branchenverband Bitkom bestätigte.

Der Chip-Produzent Intel, stets ein zuverlässiges Barometer für die gesamte IT-Industrie, hatte diesen Trend zuletzt deutlich zu spüren bekommen - und fuhr seine Prognosen zurück. Bei Desktop-PCs und Laptops dominieren die Prozessoren von Intel traditionell den Markt, für Tablets und Smartphones nutzen die Elektronikhersteller jedoch bislang meist die Chips anderer Hersteller.

Mit Windows 8 bietet Microsoft erstmals eine einheitliche Betriebsoberfläche für alle Geräte, vom Smartphone über Notebooks bis hin zum Schreibtischrechner. Und der Konzern setzt diesmal alles auf Sieg: Mit einer eigenen Hardware, dem Tablet Surface, konkurriert der Software-Riese sogar erstmals mit seinen wichtigen Elektronikpartner - und riskiert Verstimmung unter seinen traditionellen Verbündeten. Alle führenden Hersteller sind aber dennoch zum Start von Windows 8 mit eigenen Produkten dabei.

Denen wollte Microsoft aber offenbar nicht die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg seines neuen Betriebssystems überlassen. Das Surface soll als Referenz-Modell zeigen, was alles in der neuen Software steckt. Optional ist das Gerät mit einem dünnen Schutzdeckel ausgestattet, der sich aufgeklappt als vollwertige Tastatur inklusive Touchpad erweist - ein Design, das vielfach wohlwollende Beachtung fand. In ersten Praxistests hatte der Hybrid aus Tablet und Laptop allerdings nicht nur positive Reaktionen ausgelöst.

Beim Surface-Betriebssystem entschied sich Microsoft zunächst für die abgespeckte RT-Version, die auch mit Chips des Intel-Konkurrenten ARM arbeitet - aber auch weniger leistungsfähig ist. Zuletzt wurde bekannt, dass das Gerät für einen Preis von rund 600 Dollar inklusive «Touch Cover» angeboten werden soll. Damit liegt das Surface preislich in etwa gleich auf mit Apples iPad. Ob sich das Gerät damit im Markt durchsetzen wird, dürfte mit über den Erfolg von Windows 8 entscheiden.

Die versammelte Konkurrenz allerdings scheint Microsoft einiges an Potenzial zuzutrauen, jetzt massiv und erfolgreich zur Aufholjagd anzusetzen. Nicht umsonst dürften die größten Rivalen den angekündigten Start von Windows 8 demonstrativ mit eigenen Produktvorstellungen flankieren, um Microsoft nicht allein die Bühne zu überlassen.

Erst am Dienstag stellte Apple ein neues iPad mini vor, das auch dem starken Konkurrenten Samsung Paroli bieten soll. Und Google will mit einer Veranstaltung am Montag, dem Starttermin von Windows Phone 8, Microsoft in die Parade fahren: Der Internet-Konzern dürfte in New York ein neues Smartphone und frische Tablet-Modelle seiner Nexus-Serie vorstellen, vermuten Branchenbeobachter.

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