Rom/Berlin (dpa) - Die EU-Mitgliedsstaaten hätten nach Ansicht des ehemaligen EU-Kommissionschef Romano Prodi schon bei der Einführung der gemeinsamen Währung gleich eine Finanz- und Fiskalunion anstreben müssen.

«Wir waren nicht waghalsig, als wir den Euro einführten», sagte Prodi der Deutschen Presse-Agentur am Dienstagabend in einem Telefoninterview. «Es war und ist einfach ein wunderbarer erster Schritt, dem andere folgen müssen. Dass diese nicht sofort gemacht wurden, führte zu den Problemen, die wir heute haben.» Die EU-Mitgliedsstaaten hätten schon bei der Einführung der gemeinsamen Währung gleich eine Finanz- und Fiskalunion anstreben müssen.

Die Mitgliedsländer der Eurozone hatten nun eine gemeinsame Währung, behielten aber die Kontrolle über ihre Budgets und ihre Banken. Dies führte zu Ungleichgewichten zwischen Ländern mit starker Wirtschaftsleistung wie Deutschland und solchen mit schwacher, wie etwa Griechenland. Prodi war von 1999 bis 2004 EU-Kommissionspräsident.

Eine Veränderung in der «politischen Stimmung in Europa» sei verantwortlich gewesen, dass es heute keine Finanz- und Fiskalunion gebe, so Prodi. Diese brachte «Jahre der Angst und des Populismus, Jahre, in denen Europa von der Angst vor Globalisierung und Einwanderung terrorisiert war».

Der ehemalige italienische Ministerpräsident ist jedoch überzeugt, dass nun die notwendigen Reformen umgesetzt werden. «Wir werden den Beweis sehen, dass Europa hauptsächlich als Folge von Krisen wächst», so Prodi. Die EU steuere auf ein Europa «der verschiedenen Geschwindigkeiten» zu. Manche Staaten würden enger zusammenarbeiten und andere, wie Großbritannien, am Rand bleiben.

Prodi, der in Berlin an einem Treffen ehemaliger europäischer Staatsmänner zur Ukraine teilnahm, forderte eine «schrittweise Einbindung» der ehemaligen Sowjetrepublik in Europa. Die Ukraine auszuschließen sei der falsche Weg. «Natürlich ist die Ukraine keine perfekte Demokratie», sagte er und forderte den Abschluss eines Assoziationsabkommen. Dieses liegt auf Eis, weil der Westen der Ukraine ein politisch motiviertes Urteil gegen Oppositionschefin Julia Timoschenko vorwirft. Am Sonntag werden in der Ukraine Parlamentswahlen abgehalten.