Washington/Chicago (dpa) - Zum Schluss, als das Zittern vorbei ist und Barack Obama vor seine Anhänger tritt, wird es doch noch ein Triumph. «Wir leben in dem großartigsten Land der Welt», ruft Obama seinen begeisterten Anhängern im McCormick Place in Chicago zu.

Die Spannung und die Strapazen des Wahlkampfes scheinen in dieser Nacht plötzlich wie weggewischt. Es scheint, als sei dem Mann ein Stein vom Herzen gefallen. Ein Hauch vom Siegestaumel wie vor vier Jahren liegt über der Szene.

«Heute habt Ihr Action gewählt, nicht Politik nach altem Schema», ruft Obama. Plötzlich ist auch seine Stimme nicht mehr heiser wie so oft in den letzten Tagen dieses Wahlkampfs. Die Verzagtheit, die Müdigkeit, die seine Auftritte zeitweise überschatteten, sind wie weggeblasen. Kämpferisch und entschlossen präsentiert sich Obama - doch zugleich auch als guter Vater und Ehemann. «Michelle, ich habe Dich niemals mehr geliebt», gesteht er auf offener Bühne.

Lange nicht mehr war ein Wahlkampf in den USA derart hart, derart aufreibend. Die Leichtigkeit und der Charme, mit dem der «Menschenfischer» Obama vor vier Jahren die Herzen der Amerikaner erobert hatte, waren zu Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit geworden. Der Zauber, den Obama einst verbreitete, war längst verpufft, die Magie verflogen. Als Obama sich am Morgen des 6. November auf den Weg nach Chicago machte, wusste er nicht, ob er einer Siegesfeier oder seiner politischen Beerdigung beiwohnen würde.

Der erste schwarze Präsident der US-Geschichte hat eine zweite Chance bekommen - trotz Krise in den USA, trotz weit verbreiteter Zukunftsangst unter den Amerikanern. Obama ist nicht wiedergewählt worden, weil er eine brillante Bilanz vorlegte oder weil er abermals mit hochfliegenden Visionen lockte. Diesmal war es ein mühsam erkämpfter Arbeitssieg - ohne Glanz und ohne echten Enthusiasmus bei den Wählern. Nicht zuletzt wurde Obama wiedergewählt, weil die Amerikaner seinem Gegner Mitt Romney nicht recht über den Weg trauten.

«Ich kann mich an keine Wahlen erinnern, bei denen die Kluft zwischen dem Ausmaß unserer Probleme und der Substanz der Politik größer war», urteilt der Politikexperte William A. Galston. Ohne echte Höhepunkte, streckenweise geradezu monoton verlief der Wahlkampf, mit reichlich politischen Sprechblasen auf beiden Seiten. Auch Obama, der noch vor vier Jahren vor dem groben Wahlkampfknüppel zurückschreckte, setzte diesmal auf Negativ-Werbung - samt fragwürdiger Frontalangriffe auf seinen Herausforderer.

Dabei hatte Romney diesmal alle Trümpfe in der Hand gehalten. Rund acht Prozent Arbeitslosigkeit - normalerweise gilt das als politisches Todesurteil für einen Amtsinhaber. Ironie der Geschichte: Diesmal war es der 65-jährige Multimillionär und einstige Private-Equity-Mann Romney, der «echten Wandel» in Aussicht stellte. Zwölf Millionen neue Jobs wolle er schaffen, verführerisch und betörend klangen seine Versprechungen - doch die Amerikaner misstrauten dem «Flip-Flopper», dem Wendehals Romney, der sein Mäntelchen allzu oft nach dem Wind hängt.

Auch Obama gelang es nicht wirklich, die eigene Basis in seinen Bann zu ziehen. Keine Fortschritte im Klimaschutz, bestenfalls Trippelschritte im Umweltschutz, moniert die Linke in der Demokratischen Partei. Nicht einmal wirklich versucht habe es der Präsident. Und dann existiert da nach wie vor der Schandfleck Guantánamo, das weltweit kritisierte Gefangenenlager auf Kuba, das Obama doch eigentlich abschaffen wollte. «Irgendwie ist es diesmal im Wahlkampf ganz anders», meinte unlängst ein Obama-Helfer in Ohio - diesmal mangelte es schlichtweg an Begeisterung und Enthusiasmus.

Hinzu kamen Schnitzer und Versäumnisse Obamas im Wahlkampf, allen voran der schlappe Auftritt bei der ersten TV-Debatte. Matt und müde wirkte der Präsident da - einfallslos und ohne Ideen. Doch der Debatten-Flop war nur ein Symptom für ein generelles Problem. «Für einen so offensichtlich begnadeten Redner ist er überraschend unfähig, dem Durchschnittsamerikaner zu erklären, wofür er kämpft», urteilt Paul Glastris, ehemals Redenschreiber für Präsident Bill Clinton.

Dennoch: Obama hat etwas in Gang gesetzt in seinen ersten vier Jahren, was die Amerikaner ganz offenbar doch schätzen. Er hat die Krankenversicherung für alle durchgesetzt, ein Traum der Demokraten seit Jahrzehnten. Er hat den Irakkrieg beendet, will aus Afghanistan abziehen, hat Terrorchef Osama bin Laden zur Strecke gebracht. Doch vor allem: Er hat sich der weiteren Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich entgegengestemmt. Das war das Markenzeichen seiner ersten Amtszeit. Das ist ihm zwar nur zum Teil gelungen, dennoch wurde er bei rechten Republikanern dafür zum Hassobjekt.

Die Probleme, mit denen «Obama II» nun zu kämpfen hat, sind die alten. Schon jetzt steht fest: Er wird es erneut mit einem Kongress zu tun haben, in dem die Republikaner das Repräsentantenhaus beherrschen - also sämtliche Gesetze blockieren können. Die Frage: Lässt sich die Verhärtung der politischen Fronten, die tiefe Spaltung zwischen Republikanern und Demokraten überwinden? Hat die populistische Tea-Party-Bewegung, die die Republikaner in die Totalopposition gegen Obama trieb, ihren Zenit überschritten? Zweifel sind angezeigt.

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