Köln (dpa) - Einige meinungsstarke Politiker hatten ihr Urteil über den neuen Polit-Talk von Stefan Raab (46) schon gefällt, bevor die Sendung überhaupt zum ersten Mal gelaufen war.

Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach von «absolutem Unfug», Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) befürchtete eine Veralberung. Doch wer am Sonntagabend tatsächlich einschaltete, merkte schnell: Alles halb so schlimm.

Zum Einstieg umriss der Wok-WM-Erfinder und Lena-Entdecker in wenigen Sätzen die Bedeutung politischer Prozesse auch für werberelevante Zielgruppen («Politik bestimmt Ihr Leben») und bat alsdann seine Gäste auf ein Sofa unter dem Bundesadler. Es nahmen Platz vier männliche Politiker und als Frau aus dem Volk die Unternehmerin Verena Delius. Der mit Abstand bekannteste Diskutant war FDP-Querkopf Wolfgang Kubicki.

Raabs erste Frage galt dem SPD-Mann Thomas Oppermann: «Wie lang ist Peer Steinbrück noch Kanzlerkandidat?» In dem Stil ging es weiter. Mal war die Scherzgrenze leicht überschritten («Herr Fuchs, nächste Frage: Wer hat die Gans gestohlen?»), mal wirkte Raabs Unbefangenheit geradezu erfrischend. Insgesamt war der bisher eher popkulturell vorgebildete Raab überraschend gut im Stoff, ohne dabei gleich zur Faktenschleuder zu werden.

In der 90-minütigen ProSieben-Sendung wurden nacheinander drei Themen abgehandelt, die jeweils mit collagenartigen Filmchen angerissen wurden: Steuergerechtigkeit, Energiewende und soziale Netzwerke. Während sich die Gäste stritten, konnten die Zuschauer per SMS oder Telefon demjenigen ihre Stimme geben, mit dem sie am meisten übereinstimmten. «Speedmeinungsbildung» war Raabs Stichwort dafür. Sollte am Ende jemand die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, würde er mit 100 000 Euro belohnt werden. So mancher Politiker hatte das schon im Vorlauf als anrüchig kritisiert, für Raab hingegen ist es nur die Konsequenz einer zuende gedachten Mediendemokratie.

Sat.1-Nachrichtenchef Peter Limbourg entrollte als eine Art Raabscher Jörg Schönenborn regelmäßig Balkendiagramme auf einem Monitor und unterrichtete damit über den aktuellen Stand. Am Ende gewann der eloquente Wolfgang Kubicki, allerdings nicht mit absoluter Mehrheit, sondern nur mit 42,6 Prozent. Deshalb wanderten die 100 000 Euro in den Jackpot für die nächste Ausgabe von «Absolute Mehrheit».

Wie komme es nur, dass jemand von der FDP bei ihm gewinne, wo die Partei doch so schlecht dastehe, wunderte sich Raab. Da gab's dann Nachhilfe von Polit-Profi Limbourg: Herr Kubicki sei hier ja eher angetreten als «Volkstribun, der sich gnadenlos gegen seine Partei positioniert». Im übrigen hatte Raab aus Sicht Limbourgs seine Feuertaufe in der Jauch-Rolle bestanden: «Wenn ich ein kurzes Kompliment machen darf: Sie können auch Politik.»

Noch wichtiger dürfte für Raab gewesen sein, dass die Quote stimmte: 1,79 Millionen Zuschauer (11,6 Prozent Marktanteil) entschieden sich für den mitternächtlichen Talk - bei den 14- bis 49-Jährigen betrug der Marktanteil sogar 18,3 Prozent. Unstrittig ist also, dass sie eingeschaltet haben, die von allen heiß umworbenen jungen Zuschauer. Strittig ist, ob sie aus der Sendung außer ein paar Lachern so viel mitgenommen haben. Und noch strittiger, ob ihr Erkenntnisgewinn bei Jauch oder Plasberg wesentlich größer wäre.

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