Berlin (dpa) - Mit einer Erklärung von Grünen-Chefin Claudia Roth über ihre politische Zukunft werden bei den Grünen heute weitere personelle Weichen gestellt.

Nach ihrem niederschmetternden 26-Prozent-Ergebnis bei der Urwahl der Grünen-Spitzenkandidaten erwog Roth am Wochenende ernsthaft einen Rückzug, wie Parteikreise der Deutschen Presse-Agentur bestätigten. Heute will sie vor der regulären Sitzung des Grünen-Vorstands bekanntgeben, ob sie sich beim Parteitag am nächsten Samstag in Hannover erneut als Grünen-Vorsitzende bewerben wird.

Führende Grünen-Politiker baten Roth am Sonntag auch hinter den Kulissen, zunächst an der Spitze zu bleiben, wie es weiter in der Partei hieß. Nun gehen führende Köpfe bei den Grünen nach dpa-Informationen davon aus, dass Roth tatsächlich erneut antritt. Wenige andere mögliche Kandidatinnen wären denkbar, um an der Seite von Parteichef Cem Özdemir die Partei im Wahlkampf zu führen. Genannt wird der Name von Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke als mögliche Nachfolgerin. Özdemir will erneut antreten.

An der Vorstandssitzung nehmen auch die frisch gewählten Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt teil. Auch sie sprachen sich am Sonntag dafür aus, dass Roth wieder antritt. Sie habe als Parteivorsitzende «viele Talente und Kompetenzen», sagte Göring-Eckardt in der ZDF-Sendung «Berlin direkt». Trittin sagte in der ARD-Sendung «Bericht aus Berlin» über Roth: «Sie hat in vielen, vielen schwierigen Entscheidungen diese Partei immer in der Mitte zusammengeführt. Sie hat integriert.»

Zöge sich Roth zurück, hätten die Grünen kurz nach Verkündigung des Spitzenduos erneut Personaldebatten, anstatt geschlossen in den Wahlkampf ziehen zu können. Dies gilt auch bei den Grünen-Realos als wenig erstrebenswert. Als denkbares Szenario gilt, dass Roth die Führungsrolle an der Parteispitze für ein Jahr ausfüllt. Zwar wird der Vorstand für zwei Jahre neu gewählt, aber eine erneute Vorstandswahl nach der Bundestagswahl gilt als wahrscheinlich.

Roth hatte bei der Urwahl der Spitzenkandidaten nur 26,2 Prozent bekommen. Fraktionschef Jürgen Trittin kam auf 71,9 Prozent, Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt auf 47,3, Fraktionschefin Renate Künast auf 38,6 Prozent.

Vor allem wegen der Wahl von Göring-Eckardt machen sich CDU-Politiker Hoffnungen auf Schwarz-Grün, falls es 2013 nicht wieder für eine Koalition mit der FDP reichen sollte. «Bei unklaren Mehrheitsverhältnissen nach der Wahl 2013 wäre Katrin Göring-Eckardt sicher jemand, der sich Schwarz-Grün nicht verweigern würde», sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Weiß, der «Rheinischen Post» (Montag). Thüringens CDU-Fraktionschef Mike Mohring sagte der «Bild»-Zeitung: «Das neue Spitzen-Duo zeigt: Die Realos sind bei den Grünen präsenter geworden. Das macht Schwarz-Grün wahrscheinlicher. Die Union muss sich viele Optionen offen halten.»

Trittin und Göring-Eckardt machten jedoch am Sonntagabend in der ARD und im ZDF nochmals deutlich, dass sie für Rot-Grün kämpfen. Es gebe keine Basis für eine Zusammenarbeit mit der Union. «Es geht ja bei so etwas immer darum, gibt es eine gewisse inhaltliche Übereinstimmung, auf die man aufbauen kann. Die sehe ich nicht», sagte Göring-Eckardt.

In der «Saarbrücker Zeitung» (Montag) machte Göring-Eckardt deutlich, dass ihre Partei auch Wähler im Unions- und FDP-Lager für sich gewinnen wolle. Die Grünen müssten die Menschen ansprechen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt wollten. «Dazu gehören enttäuschte Wähler der Union und der FDP.»

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel warnte die Grünen in der «Süddeutschen Zeitung» (Montag) vor einem Liebäugeln mit einem schwarz-grünen Bündnis und forderte ein eindeutiges Bekenntnis zur SPD. «Wählerinnen und Wähler wollen Klarheit und kein doppeltes Spiel. Bei der SPD ist das klar: Wir wollen 2013 eine Regierungsbildung von SPD und Grünen und keine Koalition mit der CDU/CSU. Jetzt sind die Grünen am Zug», sagte Gabriel.

Urwahl der Grünen

Kür des Spitzenduos 2009