Kairo (dpa) - Die massiven Proteste gegen seinen autoritären Führungsstil bringen Ägyptens islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi immer stärker in Bedrängnis. Der Streik der Richter weitete sich am Montag weiter aus. Die teils gewaltsamen Proteste gegen die Machtausweitung Mursis forderten ein erstes Todesopfer.

Lokale Medien berichteten unter Berufung auf Mitglieder der Muslimbruderschaft, die Islamisten suchten angesichts des großen Widerstandes gegen die von Mursi erlassene Verfassungserklärung nach einer Kompromisslösung. Ziel sei, die Streiks und Demonstrationen zu beenden. Dabei wollten sie aber nicht «das Gesicht verlieren».

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verfolgt den Machtwillen des ägyptischen Präsidenten mit Sorge. Die Bundesregierung erinnerte ihn daran, dass die Gewaltenteilung zwischen Regierung, Parlament und Justiz zu den Grundsätzen jeder demokratischen Verfassung gehöre. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: «Es ist ganz wichtig, dass der Prozess der Demokratisierung nicht abgebrochen wird - und auch nicht unterbrochen.»

Das Nachrichtenportal «Al-Nahar.Egypt» will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, dass US-Präsident Barack Obama Mursi dazu aufgefordert haben soll, von seinem konfrontativen Kurs abzulassen.

Sowohl die Islamisten als auch die säkularen Parteien haben für diesen Dienstag zu großen Kundgebungen in mehreren Provinzen aufgerufen. Die für Dienstag geplante Eröffnung des Internationalen Kairo Filmfestivals wurde deshalb um einen Tag verschoben.

Ein Parteifunktionär der Islamisten sprach gegenüber der ägyptischen Zeitung «Al-Shorouk» von einer Verschwörung der Richter und Journalisten mit dem Ziel, Mursi zu stürzen. Aus Solidarität mit Mursi waren am Sonntagabend in mehreren ägyptischen Städten Tausende Islamisten auf die Straße gegangen. Am Montag versammelten sich Studenten der islamischen Azhar-Universität zu einem Solidaritätsmarsch für Mursi. Zugleich demonstrierten auf dem Tahrir-Platz in Kairo erneut Tausende von Gegnern der Islamisten.

In der Nacht zum Montag wurde bei einem Angriff auf ein Büro der Partei der Muslimbrüder in der Provinzstadt Damanhur ein 15 Jahre alter Islamist getötet. Am Sonntag war es in Kairo und der Provinz Al-Baheira zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Gegnern Mursis gekommen.

Für den späten Nachmittag bestellte Mursi am Montag die Mitglieder des Obersten Richterrates zu sich, um mit ihnen über Möglichkeiten zur Beendigung der Krise sprechen. Die Richter werfen ihm vor, er wolle mit seiner Verfassungserklärung die Unabhängigkeit der Justiz untergraben.

Obwohl Mursi erklärt hatte, seine Entscheidungen dürften von der Justiz nicht in Zweifel gezogen werden, teilte das Verwaltungsgericht laut «Al-Shorouk» mit, es wolle in einer Sitzung am 4. Dezember darüber entscheiden, ob die Verfassungserklärung aus juristischen Gründen aufgehoben werden müsse.

Seit Beginn der Proteste in der vergangenen Woche sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr 444 Menschen verletzt worden. Die Revolutionsbewegung 6. April trug am Montagnachmittag in Kairo einen «Märtyrer» zu Grabe. Der junge Mann war - vor Mursis Verfassungserklärung - am vergangen Dienstag bei Zusammenstößen mit der Polizei schwer verletzt worden und Sonntagabend gestorben.