.Newtown (dpa) - Für Jessica Henderson war es die rätselhafteste SMS ihres Lebens. «Deiner Mutter geht es gut», stand am Freitag unvermittelt auf dem Display ihres Telefons.

Was Jessica nicht wusste: In direkter Nachbarschaft ihrer Mutter hatte ein junger Mann gerade eine Schule überfallen und dort 26 Menschen getötet, darunter 20 Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren. Ein Freund hatte die Studentin beruhigen wollen. Doch die wusste noch gar nichts von der Tragödie.

«Es ist ein wunderschöner friedlicher Ort», sagt Jessica über ihre Heimatstadt Newtown im US-Bundesstaat Connecticut. «Wie konnte so etwas hier passieren?» In den vergangenen zehn Jahren wurde ein einziger Mord verzeichnet. «Hier gibt es eigentlich keine Verbrechen», sagt sie. «Das Schlimmste, das in der Zeitung steht, ist vielleicht mal ein Verkehrsunfall.»

Und doch war es ein Junge aus ihrer Nachbarschaft, der das unvorstellbare Verbrechen beging. Am Freitagmorgen tötete der Zwanzigjährige zuerst seine Mutter - mit deren eigenen Schusswaffen. Dann ging er in die Grundschule und richtete ein Blutbad an. Sechs Erwachsene und 20 Kinder starben im Kugelhagel von zwei Pistolen und einem Sturmgewehr. Einige der Kinder, das jüngste war gerade sechs geworden, hatten elf Schusswunden in ihren Körpern.

«Die Leute sind wie gelähmt», sagt Jeannie Pasacreta. Die 55-Jährige ist Psychologin in Newtown und hat seit Beginn der Wirtschaftskrise vor ein paar Jahren alle Hände voll zu tun. «Jetzt aber sind die Menschen einfach ratlos. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Viele fühlen sich schuldig, weil sie schon den Weihnachtsschmuck an ihren Häusern hatten, der fröhlich blinkte, während ein paar Straßen weiter die Kinder starben.»

Ihr ältester Sohn sei mit dem Täter in eine Klasse gegangen. «Er war sehr introvertiert. Und er hatte offenbar mentale Probleme», sagt die Psychologin. «Ich habe ihn nie untersucht, aber alle Anzeichen sprechen dafür.» Die ganze Zeit sei er mit seinem Laptop rumgelaufen. «Es gab gewisse Anzeichen. Aber wenn man eher still ist, kümmert sich niemand um einen.»

Auch Marsha Moskowitz kannte den Amokläufer. «Ich fahre seit Jahren den Schulbus und ich habe ihn oft gefahren», sagt die 56-Jährige. «Er war sehr freundlich und hat immer höflich gegrüßt. Aber er war auch sehr still und hatte nicht viele Freunde.» Meistens habe er allein auf der Bank gesessen. Auch seine Mutter sah Moskowitz oft. «Ich kannte sie gut. Wir waren nicht unbedingt Freunde, aber wir kannten uns gut. Sie tut mir so leid.» Aber noch mehr denke sie an die Kleinen: «Wenn ich jetzt durch die Stadt gehe, möchte ich jedes Kind umarmen. Einfach fest umarmen.»

Durch das Städtchen fließt ein kleiner Fluss. Da, wo der Pootatuck die Ortsmitte unterquert, hängt eine Fahne. Es ist die «Flagge der Helden» vom 11. September 2001, die alle Namen der fast 3000 Menschen enthält, die bei den Terroranschlägen getötet wurden. Jetzt hat jemand die Zahlen von 1 bis 26 draufgeklebt für die Toten des Schulmassakers. Kaum einer, der nicht kurz stehenbleibt, die Zettel überfliegt und einen Moment verharrt.

«Ich bin natürlich nicht mehr in der Grundschule», sagt Austin. Er ist 17 und geht in die Highschool, die ein Stück weiter liegt. «Bei uns war am Freitagvormittag plötzlich Lockdown.» So etwas wird in amerikanischen Schulen immer wieder für den Fall eines Amoklaufs geübt: Tür des Klassenzimmers abschließen, Licht ausmachen, verstecken! «Es war beängstigend», erzählt Austin. «Irgendwann haben wir erfahren, dass es nicht nur eine Übung ist. Es war aber nicht unsere Schule direkt betroffen. Für einen Moment waren wir erleichtert. Bis wir begriffen haben, dass es die Grundschule ist, in die viele kleine Geschwister von uns gehen.»

«Eigentlich habe ich noch nicht begriffen, was passiert ist», sagt Justin Yoshimaru. Der 21-Jährige studiert längst, ist aber in Newtown zur Schule gegangen. «Es ist eine so furchtbare Situation. Es ist so niederschmetternd, so herzzerreißend.» Justin schluckt. «Wir müssen irgendwie damit fertig werden. Irgendwie.»

Justin hat Blumen am Schulschild niedergelegt, genauso wie Austin und Jessica. Es sind alles weiße Blumen, die unter der Holztafel mit der Aufschrift «Sandy Hook School - Visitors Welcome» liegen. «Es hätte genauso gut uns treffen können», murmelt Jessica mit gesenktem Kopf. Dann blickt sie auf und beteuert: «Aber eigentlich ist unsere Stadt ein friedlicher Ort. Wirklich!» Es klingt nicht so, als ob es der Besucher ist, den sie überzeugen will, sondern vielmehr sich selbst.