Hannover (dpa) - Wahlkrimi in Hannover: Die schwarz-gelbe Landesregierung von Ministerpräsident David McAllister hat ihre Macht allenfalls hauchdünn verteidigt. Nach den Hochrechnungen der ARD lag die seit 2003 regierende schwarz-gelbe Koalition nur mit einer Stimme Mehrheit vor der rot-grünen Opposition.

Das ZDF ermittelte um 19 Uhr ein Patt zwischen beiden Lagern. Zum Auftakt des Bundestagswahljahres überraschten FDP und Grüne mit Spitzenergebnissen. Die CDU verlor durch die Zweitstimmenkampagne der FDP deutlich. Die SPD mit Herausforderer Stephan Weil legte leicht zu. Die Linke flog aus dem Landtag, auch die Piratenpartei scheiterte klar an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Wahlbeteiligung stieg auf rund 60 Prozent.

Damit konnte sich in Berlin weder CDU-Kanzlerin Angela Merkel noch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück den erhofften klaren Wahlsieg auf die Fahnen schreiben. Davon hatten sich die Parteien Rückenwind für die Bundestagswahl im Herbst erwartet. Dem wegen miserabler bundesweiter Umfragewerte angeschlagenen FDP-Chef Philipp Rösler verschafft der Wiedereinzug der Liberalen in den Landtag seines Heimatlandes mit ihrem bislang besten Ergebnis aber deutlich Luft.

Die Abstimmung im zweitgrößten deutschen Flächenland mit 6,1 Millionen Wahlberechtigten gilt als wichtiger Stimmungstest für die Bundestagswahl. Zuvor wird nur noch in Bayern ein neuer Landtag gewählt.

Nach den Hochrechnungen von ARD und ZDF wurde die CDU mit 36,4 Prozent wieder stärkste Partei, gefolgt von der SPD, die auf 32,3 bis 32,7 Prozent kam. Die Grünen erzielten 13,6 Prozent, die FDP erreichte 9,7 bis 9,9, die Linke 2,9 bis 3,4 Prozent. Mit Überhang- und Ausgleichsmandaten ergibt sich damit nach den Prognosen folgende Sitzverteilung: CDU: 54 bis 60; SPD: 48 bis 53; Grüne: 19 bis 22; FDP: 14 bis 15. Die ARD kam auf 68 zu 67 Mandate zugunsten von Schwarz-Gelb. Das ZDF auf 75 zu 75 Sitze, bei leichten Vorteilen nach Prozenten für Rot-Grün.

McAllister hatte die Landesregierung 2010 nach der Wahl seines Vorgängers Christian Wulff zum Bundespräsidenten übernommen. Er musste sich erstmals als Ministerpräsident in einer Wahl behaupten. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sah einen Erfolg der schwarz-gelben Koalition in «greifbarer Nähe». Er räumte ein, dass es ein «Stimmen-Splitting» zugunsten der FDP gegeben habe.

Die FDP mit Umweltminister Stefan Birkner an der Spitze hatte in den Umfragen vor der Wahl lange Zeit unter der Fünf-Prozent-Marke gelegen und warb im Wahlkampf massiv um Zweitstimmen von CDU-Wählern - nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen erfolgreich. Diese sprach von einem «Last-Minute-Transfer im schwarz-gelben Lager»: 80 Prozent der aktuellen FDP-Wähler wählten eigentlich CDU. Am Ende verteidigte die FDP nach Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen den dritten Landtag in Folge.

Das sei auch ein Erfolg Röslers, sagte Generalsekretär Patrick Döring. Er sei der richtige Vorsitzende. Schleswig-Holsteins Fraktionschef Wolfgang Kubicki, bislang einer der schärfsten Kritiker Röslers, betonte, nach dem «glorreichen Sieg» könne die FDP-Spitze in Harmonie über die Aufstellung für die Bundestagswahl im Herbst sprechen.

Der Niedersachsen-SPD fehlte auch Rückenwind aus Berlin, wo Kanzlerkandidat Steinbrück seit Wochen wegen seiner Nebenverdienste und seiner Äußerungen zum Kanzlergehalt in der Kritik steht und in den Umfragen abgestürzt ist. Laut Forschungsgruppe Wahlen machten der Landespartei «Bundestrend und Kanzlerkandidat zu schaffen». Steinbrück räumte ein, dass es aus Berlin keine Unterstützung für Hannover gegeben habe. «Es ist mir auch bewusst, dass ich maßgeblich dafür eine gewisse Mitverantwortung trage.» Auch Generalsekretärin Andrea Nahles sagte: «Wir wissen, wir hätten ein bisschen mehr Rückenwind liefern müssen, das haben wir nicht geschafft. Das muss besser werden jetzt in den nächsten Monaten.»

Die Grünen fuhren zwar ihr mit Abstand bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Niedersachsen ein. Trotzdem bleiben sie wegen der Schwäche der SPD in Hannover möglicherweise auf der Oppositionsbank - und müssen auch im Herbst im Bund um ihren bevorzugten Koalitionspartner bangen. Die Bundesvorsitzende Claudia Roth zog gleichwohl aus dem Niedersachsen-Ergebnis mit Blick auf den Bund den Schluss, «dass ein Wechsel möglich ist, dass er denkbar ist». Fraktionschef Jürgen Trittin sah eine klare Botschaft für den Herbst: «Wenn uns das bei der Bundestagswahl gelingt, genau so viel dazu zu gewinnen, und die anderen so viel verlieren, dann war es das mit Schwarz-Gelb.»

Für die Linkspartei setzte sich die Serie von schweren Verlusten in Westdeutschland fort. Im vergangenen Jahr verpasste sie den Wiedereinzug in die Landtage von Schleswig-Holstein (2,2 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (2,5 Prozent). 2011 war die Linke schon in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg erfolglos geblieben. Stark ist sie damit nur noch in Ostdeutschland und im Saarland. Linke-Chef Bernd Riexinger räumte ein: «Es gibt nichts zu beschönigen, das Ergebnis ist für uns schmerzhaft.»

Für die Piratenpartei war Niedersachsen der erste schwere Dämpfer nach einer Erfolgsserie. Diese brachte die junge Partei in die Landesparlamente Berlins, des Saarlands, Schleswig-Holsteins und Nordrhein-Westfalens. In Niedersachsen lagen sie im Mai vergangenen Jahres in Umfragen auch noch bei 8 Prozent.

Um die regulär 135 Sitze im Landtag bewarben sich 659 Kandidatinnen und Kandidaten. Es traten 16 Parteien an, 11 von ihnen mit Landeslisten.

Bei der Landtagswahl 2008 war die CDU trotz herber Verluste mit 42,5 Prozent stärkste Partei geworden. Auch die SPD verlor und kam auf 30,3 Prozent. Die FDP holte 8,2, die Grünen 8,0 und die Linke 7,1 Prozent. Auf die CDU entfielen 68 Sitze im Landtag, auf die SPD 48. Die FDP errang 13 Mandate, die Grünen 12 und die Linke 11. Zuletzt hatte die CDU 69 und die SPD 46 Mandate, es gab einen fraktionslosen Abgeordneten. Die Wahlbeteiligung lag 2008 mit 57,1 Prozent auf einem historischen Tiefstand.

Ergebnisse nach Stand der Auszählung

Informationen Landtagswahl 2013

Niedersächsisches Landeswahlgesetz

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