Berlin (dpa) - Das Bildungssystem in Deutschland läuft nach Einschätzung von Experten Gefahr, die Chancen durch den Einsatz von digitalen Medien zu verpassen. «In den Vereinigten Staaten stellt sich derzeit jede große Universität auf der Führungsebene die Frage, was sie online machen soll».

Das sagte Philipp Schmidt, der am MIT Media Lab in den USA Lernkonzepte entwickelt, am Mittwoch in Berlin in der Expertenrunde «Lernen in der digitalen Gesellschaft». In Deutschland werde aber noch vor allem grundsätzlich diskutiert, ob man digitale Medien überhaupt einsetzen soll.

Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz, machte mehrere Ursachen für diese Defizite aus: «Die deutschen Professoren sind immer noch sehr davon überzeugt, dass ihre Vorlesung, die man mitschreiben muss, die beste Methode ist, Bildung zu vermitteln.» Aber auch an den Schule bestehe Nachholbedarf. So würden die Lehrer zu wenig für die neuen Rahmenbedingungen ausgebildet.

Die Diskussion über den Einsatz von digitalen Medien im Kindergarten werde in Deutschland häufig allein auf die Frage reduziert, ob die Nutzung nachteilig für die Entwicklung der Kinder sei, sagte Aufenanger. «Aber gerade bei kleinen Kindern - aber auch bei Senioren - bietet beispielsweise die Gestensteuerung von Tablet-Computern ganz neue Möglichkeiten zum Lernen.» Er sehe keine Bedenken, digitale Medien bei kleineren Kindern pädagogisch geleitet einzusetzen.

Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, empfahl in der «Collaboratory»-Diskussionsrunde, sich beim Einsatz von digitalen Medien im Vorschulalter daran zu orientieren, ob die Kinder ohnehin schon einen Zugang dazu haben. «Wenn digitale Medien bereits Bestandteil des Alltags sind, sollte man sie auch für die Bildung einsetzen.» Luise Ludwig, Geschäftsführerin des Forschungsschwerpunktes Medienkonvergenz an der Universität Mainz, machte sich für eine Qualitätskontrolle von Bildungs-Apps stark. «Sonst ist auch für Tablets zu befürchten, dass sie sich trotz ihres pragmatischen Mehrwerts nicht als digitales Lernwerkzeug durchsetzen werden.»

Kontrovers fiel die Debatte über Lehr- und Lernmaterialien aus, die als «Open Educational Ressources» (OER) im Rahmen einer offenen Lizenz veröffentlicht werden. «Die Verlage müssen überlegen, was es für das Geschäftsmodell bedeutet, wenn bestimmte Inhalte frei verfügbar sind», sagte Schmidt. Es müsse sichergestellt werden, dass aus Steuermitteln finanzierte Inhalte auch offen zur Verfügung stehen.

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