Paris (dpa) - Nähe zu Diktatoren, Sexismus und kein Wille zu umfassenden Reformen: Mit schwerwiegenden Anschuldigungen hat der Schweizer Top-Jurist Mark Pieth Spitzenkräfte der FIFA attackiert und den Erneuerungsprozess beim Fußball-Weltverband grundsätzlich infrage gestellt.

Pieth sieht die Gefahr, dass die FIFA bei ihren Bemühungen um mehr Transparenz und Demokratie «noch einmal zehn Jahre verliert», sagte der Vorsitzende der Kommission für Good Governance in einem Interview der «Süddeutschen Zeitung».

Auch die Rolle der europäischen Führungsfiguren - inklusive deutscher Vertreter - im Reformprozess wurde von Pieth erstaunlich harsch kritisiert. «Die denken nur an ihre eigene Macht, die denken nicht über ihre eigene Nasenspitze hinaus», sagte der Professor für Kriminalrecht an der Universität Basel. Von der UEFA habe er sich mehr Unterstützung erhofft. «Ich bin enttäuscht von dem, was die UEFA hervorgebracht hat - mit der Hilfe der Briten und Deutschen», sagte Pieth der Nachrichtenagentur AP.

Die englische FA und der Deutsche Fußball-Bund gelten eigentlich als Motoren für einen Demokratisierungsprozess im Fußball. Die Präsidenten der 53 europäischen Verbände waren kürzlich aber mit ihren Beschlüssen hinter den FIFA-Vorschläge zu Amtzeitbeschränkungen und Leumundsprüfungen von Funktionären zurückgeblieben. «Da ist es sehr, sehr suboptimal, dass jetzt ausgerechnet die Vertreter Europas sagen: Wir brauchen gar keine Reform!», sagte Pieth.

Wolfgang Niersbach wies die Vorwürfe zurückgewiesen. «Von einer Blockadehaltung gegenüber Reformbestrebungen kann überhaupt keine Rede sein», sagte der DFB-Präsident der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». «Tatsache ist, dass ein Großteil der Reformvorschläge die Zustimmung der europäischen Verbände gefunden hat», betonte Niersbach.

Niersbach hob besonders seinen Einsatz für eine Leumundsprüfung von Fußball-Funktionären hervor. «Ich habe mich im Namen des DFB ganz klar für eine Integritätsprüfung ausgesprochen», sagte er. «Ich halte das Verfahren für richtig und notwendig», betonte der DFB-Chef. Niersbach gestand allerdings ein, dass eine Amtszeitbegrenzung für FIFA-Exekutivmitglieder in Europa nicht durchsetzbar gewesen sei. «Wir sollten nicht vergessen, dass wir nur einer von 53 Mitglieds-Verbänden sind und auch nur eine Stimme haben», sagte er.

Ein geradezu vernichtendes Zeugnis bekamen südamerikanische FIFA-Top-Leute von Pieth, der manchen sogar unumwunden die politische Integrität absprach. «Wenn Sie die Leute im FIFA-Vorstand anschauen, waren viele verbandelt mit ehemaligen Diktatoren», sagte er. Diese Verbindungen hätten die Personalwahl für den laufenden Reformprozess des skandalumwitterten Weltverbandes behindert, meinte Pieth. Er hat noch ein FIFA-Mandat bis Ende Mai und will mit seinen Aussagen offenbar jetzt schon verdeutlichen, dass er bei einem möglichen Scheitern des Reformprogramms keine persönliche Verantwortung trägt.

Konkret habe der argentinische FIFA-Vizepräsident Julio Grondona eine Berufung von Pieth-Favorit Luis Moreno Ocampo zum Chefermittler der neuen FIFA-Ethikkommission im Weg gestanden. Ocampo hatte vor seiner Aktivität am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag unter anderem Ex-Diktatoren in Argentinien vor Gericht gebracht. «Wenn Sie Grondona nehmen, oder (FIFA-Vorstand) Nicolas Léoz aus Paraguay, und dazu die Vergangenheit der Region mit den Diktatoren Strössner und Banzer, können Sie sich den Rest zusammenreimen. Mehr will ich gar nicht sagen, sonst kriege ich ein Problem», sagte Pieth.

Sein zweiter Personalvorschlag, die Schottin Sue Akers von Scotland Yard, sei wegen sexistischer Motive der FIFA-Funktionäre abgelehnt worden. Da hätten die «älteren Herren in der FIFA» gesagt: «Bei einer Frau sollen wir beichten, dass wir etwas Böses getan haben? Nein! Da verlangt ihr zu viel!», berichtete Pieth und fügte an: «Natürlich ist das Mittelalter.» Stattdessen bekam der von Pieth nicht vorgeschlagene Amerikaner Michael Garcia den Job.

Die Aufarbeitung der Korruptionsvorwürfe gegen den ehemaligen Herausforderer von FIFA-Präsident Joseph Blatter und FIFA-Vize Mohamed bin Hammam aus Katar war für Pieth nicht sauber. «In meinem Strafprozess-Lehrbuch sage ich: Der Deal verstößt gegen alle strafprozessualen Grundsätze», sagte er. «Beide Seiten sind sich entgegengekommen: Er hat gesagt, genug ist genug, ich trete zurück, nennt mich nicht korrupt - dafür ist der Fall vom Tisch.»

Die FIFA war für eine Stellungnahme zu allen Vorwürfen zunächst nicht zu erreichen. FIFA-Chef Blatter will beim Kongress am 31. Mai auf Mauritius über das umfassende Reformpaket für mehr demokratische Strukturen im Weltverband abstimmen lassen, für das derzeit auch der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger bei internationalen Fußball-Funktionären wirbt.

«Im Exekutiv-Komitee sind sie alle zwanzig Jahre zurück. Und jetzt gilt es, sie in die Gegenwart zu holen», forderte Pieth ein radikales Umdenken in der Fußball-Welt-Regierung. Auch zu Blatter geht Pieth klar auf Distanz: «Blatter soll erst mal froh sein, wenn er die Reform durchkriegt. Das ist das Stück des Weges, den wir zusammen gehen. Der Rest ist seine Sache, nicht meine.»