London (dpa) - Nach dem Fund von Pferdefleisch bei zwei Verarbeitungsbetrieben in England und Wales haben die britischen Behörden die restlose Aufklärung des Fleischskandals versprochen.

Die Lebensmittelaufsicht FSA werde ermitteln, «bis es nichts mehr zu finden gibt», sagte der Leiter der Ermittlungen bei der Behörde, Andrew Rhodes, dem Sender BBC.

Die Behörde hatte die beiden Betriebe am Dienstag sofort geschlossen. Agrarminister Owen Paterson deutete am Mittwoch an, es könnten noch mehr Schließungen folgen. Die Zahl der Pferdeschlachtungen - in Großbritannien eigentlich unüblich - war in den vergangenen Jahren stark gestiegen und hatte sich zwischen 2009 und 2012 auf 9000 verdreifacht. In Irland wurden 2012 sogar 24 000 Pferde geschlachtet, wie das Agrarministerium in Dublin mitteilte. 2009 lag die Zahl noch bei rund 3000. Das Fleisch wird fast ausschließlich exportiert.

Premierminister David Cameron sagte am Mittwoch im Parlament in London, die Praxis der Falschdeklaration von Lebensmitteln sei «vollkommen unakzeptabel». Die Ergebnisse der vorgenommenen Tests würden komplett veröffentlicht. Kein Hersteller, Erzeuger oder Verarbeiter solle geschont werden.

Der britische Lebensmittelwissenschaftler Tim Lang von der City Universität in London sprach dagegen von einem «Fehler im System». Die Regierung setze seit Jahrzehnten auf möglichst billige Lebensmittelerzeugung. Pferdefleisch kostet etwa ein Fünftel des Preises von Rindfleisch. Lang kritisierte auch, dass die Regierung die Zahl der Lebensmittelkontrolleure in den vergangenen Jahren zurückgefahren hat.

Der Betreiber eines Schlachthofs in der Grafschaft Yorkshire in Nordengland steht unter dem Verdacht, geschlachtete Pferde an einen Betrieb in der Grafschaft Pembrokeshire in Wales weitergegeben zu haben. Das Fleisch wurde möglicherweise zu Burger-Frikadellen und Kebabs verarbeitet und als Rind verkauft - unklar ist aber, wo diese Falschdeklaration stattgefunden hat. Der Betreiber des Betriebes in Wales ließ am Mittwoch über seinen Anwalt mitteilen, bei ihm seien die Pferde nur ausgebeint, nicht aber das Fleisch verarbeitet worden.

Polizisten und Lebensmittelkontrolleure beschlagnahmten in den beiden Betrieben Fleisch, Dokumente und Kundenlisten. Die Dokumente werden nach Angaben eines Sprechers ausgewertet, um genau feststellen zu können, was mit dem Pferdefleisch geschah. Der Betreiber gab an, zwischen der Rinder- und Pferdefleischproduktion werde sauber getrennt.

Umweltminister Owen Paterson, der sich am Dienstagabend mit Vertretern der Lebensmittelindustrie traf, wollte am Mittwochabend mit Ministern aus EU-Ländern in Brüssel über den Fleischskandal beraten. Der irische Landwirtschaftsminister Simon Coveney will bei dem Treffen mit EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg und weiteren EU-Ministern die Auswirkungen der jüngsten Erkenntnisse über die Beimischung von Pferdefleisch besprechen.

Mit der Razzia vom Dienstag ist im Pferdefleischskandal erstmals eine britische Anlage ins Visier der Behörden und der Polizei geraten. Bislang führten die Spuren ins Ausland. Die Supermarktketten und Discounter, um deren Produkte es geht, beziehen die Ware von einem weit verzweigten Netz von Lieferanten und Produzenten über ganz Europa zerstreut.

Der Edel-Supermarkt Waitrose gab am Mittwoch bekannt, sie habe Fleischbällchen aus den Regalen genommen. Proben hatten ergeben, dass das als Rindfleisch deklarierte Produkt auch Schweinefleisch enthielt. Zuvor hatten bereits andere Supermarktketten, darunter auch die britischen Ableger der deutschen Discounter Aldi und Lidl Fleischprodukte aus dem Sortiment nehmen müssen.

Mitte Januar waren in Großbritannien und Irland erstmals Pferdefleischspuren in Fertigkost aus Rinderhack entdeckt worden. Teilweise erreichte der Pferdefleischanteil in Fertiggerichten bis zu 100 Prozent.

Die Behörden raten Verbrauchern, verdächtige Produkte in den Supermarkt zurückzubringen. Laut FSA birgt der Verzehr von mit Pferdefleisch versetzten Produkten jedoch keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr.

Statement der Lebensmittelaufsicht FSA