Berlin (dpa) - Im europäischen Pferdefleisch-Skandal gehen die Behörden ersten verdächtigen Lieferungen in Deutschland nach. Falsch gekennzeichnete Fertigprodukte wie Lasagne seien vermutlich auch nach Nordrhein-Westfalen gelangt, sagte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU).

Die luxemburgischen Behörden hätten ihr Haus darüber in der Nacht zum Mittwoch informiert. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass noch weitere Bundesländer betroffen seien, sagte Aigner auf der Öko-Messe Biofach in Nürnberg.

Die Ministerin nannte als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch einen «krassen und schlimmen Fall von Verbrauchertäuschung». Wegen dieses Verdachts sollte auch Deutschland am Abend an einem EU-Informationstreffen in Brüssel zu dem Skandal teilnehmen.

In den vergangenen Wochen waren in mehreren Ländern der EU Fertiggerichte entdeckt worden, in denen statt des angegebenen Rindfleischs auch oder nur Pferdefleisch verarbeitet worden war. Nach Deutschland lieferten die fraglichen Hersteller nach Angaben des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministers Johannes Remmel (Grüne) vorwiegend in Lasagne verarbeitetes Fleisch. Aus der Auswertung der Lieferlisten ergebe sich, dass über einen Zwischenhändler verdächtige Produkte in größerem Umfang nach Deutschland geliefert worden seien.

«Die Lieferungen betreffen nicht nur Discounter und Lebensmittelketten, sondern auch andere Lebensmittelunternehmen, die mit Tiefkühlprodukten handeln», sagte Remmel in Düsseldorf. Dass es zwischen November 2012 und Januar 2013 Handelsbeziehungen zu verdächtigen Zwischenlieferanten gegeben habe, gehe aus den Lieferlisten hervor.

Ob es in Deutschland wie in Großbritannien auch falsch etikettierte Mogelpackungen mit Pferdefleisch gibt, könne aber erst anhand von DNA-Analysen geklärt werden, sobald die Ware gefunden sei. Der Minister warf den betroffenen Unternehmen vor, die Behörden nicht informiert zu haben, obwohl der Verdacht von Verstößen gegen die Kennzeichnungspflicht seit Wochen bestehe.

Inwieweit andere Bundesländer betroffen seien, würden die zuständigen Behörden aktuell noch prüfen, sagte Aigner. Auch wenn der Fall geahndet werden müsse, beruhigte Aigner die Verbraucher. «Nach jetzigen Erkenntnissen ist Pferdefleisch nicht gefährlich.» Auch in Deutschland gebe es ganz regulär Pferdefleisch zu kaufen. «Das muss ganz klar deklariert sein, dass es Pferde sind, die zur Schlachtung zugelassen sind.»

Britische Behörden versprachen nach dem Fund von Pferdefleisch bei zwei Verarbeitungsbetrieben in England und Wales eine restlose Aufklärung. Die Lebensmittelaufsicht FSA werde ermitteln, «bis es nichts mehr zu finden gibt», sagte der Leiter der Ermittlungen bei der Behörde, Andrew Rhodes, am Mittwoch dem Sender BBC. Die FSA hatte die beiden Betriebe sofort geschlossen. Premierminister David Cameron sagte am Mittwoch im Parlament in London, die Praxis der Falschdeklaration von Lebensmitteln sei «vollkommen unakzeptabel». Die Ergebnisse der vorgenommenen Tests würden komplett veröffentlicht. Kein Hersteller, Erzeuger oder Verarbeiter solle geschont werden.

Mit der Razzia vom Dienstag ist im Pferdefleischskandal erstmals eine britische Anlage ins Visier der Behörden und der Polizei geraten. Bislang führten die Spuren in andere Länder. Die Supermarktketten und Discounter, um deren Produkte es geht, beziehen die Ware von einem weit verzweigten Netz von Lieferanten und Produzenten über Europa verstreut.

Spekulationen zufolge könnte der Skandal von Rumänien ausgegangen sein. Die rumänische Regierung geht jedoch davon aus, dass es dort keine Verstöße gegen irgendwelche EU-Regeln gegeben hat. Betroffen waren Produzenten in Frankreich.

Nach Ansicht von EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg geht der Pferdefleisch-Skandal nicht auf Lücken in der EU-Gesetzgebung zurück. «Bisher ist es eine Sache der Deklarierung», sagte Borg am Mittwoch in Brüssel. «Das heißt nicht, dass es nicht ernst ist. (...) Jemand entlang der Lieferkette hat versucht, die europäischen Verbraucher zu täuschen.»

Am Ministertreffen der beteiligten Länder zur Pferdefleisch-Affäre am Abend in Brüssel wollte Borg ebenso teilnehmen wie ein Vertreter von EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos. Am Freitag will die EU-Kommission mit Vertretern aller EU-Länder über das weitere Vorgehen beraten.

Die Grünen forderten Konsequenzen aus dem Skandal. Lange internationale Produktionsketten, die auf niedrige Preis ausgerichtet sind, seien ein Einfallstor für Betrug und Täuschung, sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Nicole Maisch, am Mittwoch.

Statement der Lebensmittelaufsicht FSA