Berlin (dpa) - Der Pferdefleisch-Skandal betrifft viel mehr Firmen und Fertiggerichte als bisher angenommen. Der Lebensmittel-Discounter Aldi Süd nahm am Freitag zwei Fertiggerichte aus den Regalen, der Konkurrent Lidl zog ein Nudelgericht aus dem Verkehr.

Eigene Analysen hätten Pferdefleisch nachgewiesen, teilte eine Aldi-Sprecherin am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. Die betroffenen Produkten hießen «Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)» und «Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)». Lidl stoppte den Verkauf seiner Nudeln namens «Tortelloni Rindfleisch». Bei Lidl in Österreich war darin Pferdefleisch gefunden worden.

Das Nudelgericht stammt nach Angaben von Lidl und des Gesundheitsministeriums in Wien von der deutschen Firma Gusto GmbH. Damit bekommt der Skandal eine neue Dimension: Bisher stammte die falsch deklarierte Ware mit Pferdehack von französischen Produzenten. Bei Gusto war niemand für eine Stellungnahme erreichbar. Der Handel nimmt derweil Hunderttausende Packungen Lasagne aus den Tiefkühltruhen. Die Ware wird vernichtet.

Die EU-Staaten wollen bei der Fahndung nach falsch deklariertem Pferdefleisch nun Gentests machen. Darauf einigten sich am Freitag Vertreter der 27 Staaten in Brüssel. Die EU-Kommission übernimmt teilweise die Kosten der Untersuchungen, die bis spätestens Ende März abgeschlossen sein sollen. Bis dahin sollen die nationalen Behörden 2250 Rindfleischprodukten testen. Auf jedes Land entfallen dabei zwischen 10 und 150 Gen-Proben.

Branchenkenner äußerten den Verdacht, dass illegal geschlachtete Pferde im Hackfleisch landeten. «Wir können uns nicht vorstellen, dass Pferdefleisch zu einem Bruchteil des Preises für Rind legal gehandelt wird», sagte der Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV), Gero Jentzsch. Weil der Markt für Pferdefleisch so klein ist, können allerdings weder der DFV noch die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Bonn einen genauen Preis für Pferdefleisch nennen.

Die Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker warnte vor dem Medikament Phenylbutazon, das in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt wurde. «Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch», sagte die Expertin Petra Zagermann-Muncke. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen - Hautausschläge oder Asthma - oder Blutbildschäden möglich, auch unabhängig von der Dosis. Phenylbutazon wird bei Pferden als Dopingmittel verwendet.

Die Verbraucherzentralen kritisierten ungenügende amtliche Informationen für die Kunden über den Pferdefleisch-Skandal. Der deutsche Lebensmittelhandel wies den Vorwurf zurück, Supermarktketten hätten ihre Kunden zu spät über mögliches Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne informiert. Die Firmen hätten angesichts erster Verdachtsfälle die Produkte vorsorglich aus dem Verkauf genommen, teilte Präsident Friedhelm Dornseifer vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels mit.

Die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann geht davon aus, dass auch ihre Lasagne der Eigenmarke A&P Pferdefleisch enthält. Der französische Hersteller Comigel habe seine Kunden offiziell informiert, dass unabhängige Labore in Fertiggerichten aus seiner Produktion Pferdefleisch entdeckt hätten. Eigene Testergebnisse lägen noch nicht vor, erklärte Kaiser's Tengelmann. Das Handelsunternehmen Konsum Leipzig nahm seine «Lasagne Bolognese Gut&Günstig» aus den Tiefkühltruhen seiner etwa 70 Filialen.

«Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir noch weitere Proben mit Pferdefleisch entdecken», sagte der Sprecher des österreichischen Gesundheitsministeriums, Fabian Fußeis, nach dem Fund bei Lidl. Nach Angaben französischer Ermittler soll der Hersteller Comigel rund 4,5 Millionen Fertiggerichte mit falsch deklariertem Pferdefleisch der Firma Spanghero hergestellt haben, die dann an mindestens 28 Unternehmen in 13 europäischen Ländern verkauft wurden.

Spanghero bestritt erneut, für falsch deklarierte Lieferungen verantwortlich zu sein. «Ich weiß nicht, wer es ist, aber wir sind es nicht», sagte der Chef der französischen Firma, Barthélémy Aguerre, am Freitag dem Radiosender Europe 1. Das bei Spanghero angekommene Fleisch sei stets als Rind deklariert gewesen.

Bundesweit werden Zehntausende Packungen mit Fertig-Lasagne als Folge des Skandals vernichtet. Handelsketten nahmen massenhaft verdächtige Ware aus den Regalen, in Kühlhäusern gelagerte Produkte wurden sichergestellt. Allein in Brandenburg blockierten die Behörden rund 26 000 Packungen, weil sie statt des angegebenen Rindfleischs möglicherweise Pferd enthalten. In Mecklenburg-Vorpommern wurden gut 11 000 Packungen Lasagne unter Pferdefleisch-Verdacht aus Lagern und Kühlregalen genommen.

Auch in Großbritannien tauchten erneut Spuren von Pferdefleisch in Rindfleischprodukten auf.

Erklärung zu Östereich

Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVL)

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