Berlin (dpa) - Jahrelang mussten die Angehörigen von ermordeten Kleinunternehmern türkischer oder griechischer Herkunft sich Verdächtigungen gefallen lassen. Bundespräsident Gauck empfängt nun die Familien der Opfer. Dabei dürften schlimme Fehler der Vergangenheit zur Sprache kommen.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, warf der Bundesregierung mangelndes Engagement bei der Aufklärung der Neonazi-Mordserie vor. Kolat sagte dem RBB-Inforadio am Montag: «Ich erwarte, dass die Bundeskanzlerin eine Sitzung des Bundeskabinetts einberuft, auf der ausschließlich dieses Thema behandelt wird.» Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) halte Informationen zurück. «Es wird praktisch einiges vertuscht, Akten werden geschreddert. Das kann man nicht so hinnehmen», sagte Kolat.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde begrüßte, dass Bundespräsident Joachim Gauck die Familien der Mordopfer für diesen Montag ins Schloss Bellevue eingeladen hat. «Das ist ein gutes Zeichen, das der Bundespräsident setzt.» Mit Blick auf die Absage einer Opfer-Angehörigen sagte Kolat, Gauck habe deren Anwälte nicht mit eingeladen, damit ein persönliches Gespräch zustande komme. Allerdings müsse Gauck noch klarere Worte zum Thema Rassismus in Deutschland finden.

Der Bundespräsident trifft am Mittag in Berlin mit den Familien der Opfer der Neonazi-Mordserie zusammen. In vertraulichen Gesprächen im Schloss Bellevue will Gauck die Angehörigen unterstützen und ihnen seine Solidarität zeigen. Ende Januar hatte Gauck sich bereits über den Stand der Arbeit des Untersuchungsausschusses zu den Anschlägen des Zwickauer Neonazi-Trios informiert. Damals sagte er, die Sicherheitsorgane in Deutschland müssten den Schutz aller Bürger in diesem Land garantieren, unabhängig von ihrer Herkunft.

Viele Angehörige der Neonazi-Mordserie wollen bei dem Mitte April beginnenden Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe dabei sein, sagte die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, im ZDF-«Morgenmagazin». «Viele wollen an jedem Verhandlungstag dabei sein.» Zschäpe ist das einzige noch lebende Mitglied des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU), dem zehn Morde zugerechnet werden. Die Angehörige müssten wieder Kontrolle über ihr Leben erlangen, sagte John. «Nun am Prozess teilzunehmen, das ist für sie wichtig, und zu erleben, dass da auch Schuldige gesehen werden und dass die Nation auch sieht, was da eigentlich passiert ist.»

Dem Neonazi-Trio werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet - an neun türkisch- oder griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie an einer Polizistin. Jahrelang war der rechtsterroristische Hintergrund der Morde nicht erkannt worden. Stattdessen war im Umfeld der Opfer nach den Tätern gesucht worden.