Berlin (dpa) - Bundespräsident Joachim Gauck hat den Angehörigen der Neonazi-Mordopfer umfassende Aufklärung der Verbrechen zugesichert. Bei einem Treffen im Schloss Bellevue sagte Gauck, Deutschland dürfe nicht vergessen, was geschehen ist.

Laut Redemanuskript versprach er: «Ich will mithelfen, dass Ihr Leid weiter wahrgenommen und anerkannt wird. Und dass aufgeklärt wird, wo es Fehler und Versäumnisse gegeben hat, dass darüber gesprochen und wenn nötig auch gestritten wird, was wir daraus lernen müssen.»

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, warf der Bundesregierung mangelndes Engagement bei der Aufklärung der Neonazi-Mordserie vor. Kolat sagte dem RBB-Inforadio am Montag: «Ich erwarte, dass die Bundeskanzlerin eine Sitzung des Bundeskabinetts einberuft, auf der ausschließlich dieses Thema behandelt wird.» Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) halte Informationen zurück. «Es wird praktisch einiges vertuscht, Akten werden geschreddert. Das kann man nicht so hinnehmen», sagte Kolat.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde begrüßte, dass der Bundespräsident die Familien der Mordopfer ins Schloss Bellevue eingeladen habe. «Das ist ein gutes Zeichen, das der Bundespräsident setzt.» Mit Blick auf die Absage einer Opfer-Angehörigen sagte Kolat, Gauck habe deren Anwälte nicht mit eingeladen, damit ein persönliches Gespräch zustande komme. Allerdings müsse Gauck noch klarere Worte zum Thema Rassismus in Deutschland finden.

Viele Angehörige der Neonazi-Mordserie wollen bei dem Mitte April beginnenden Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe dabei sein, sagte die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, im ZDF-«Morgenmagazin». «Viele wollen an jedem Verhandlungstag dabei sein.» Zschäpe ist das einzige noch lebende Mitglied des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU), dem zehn Morde zugerechnet werden. Die Angehörige müssten wieder Kontrolle über ihr Leben erlangen, sagte John. «Nun am Prozess teilzunehmen, das ist für sie wichtig, und zu erleben, dass da auch Schuldige gesehen werden und dass die Nation auch sieht, was da eigentlich passiert ist.»

Dem Neonazi-Trio werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet - an neun türkisch- oder griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie an einer Polizistin. Jahrelang war der rechtsterroristische Hintergrund der Morde nicht erkannt worden. Stattdessen war im Umfeld der Opfer nach den Tätern gesucht worden.