Berlin (dpa) - Trotz insgesamt guter Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt ist die Kluft zwischen Vermögenden und Mittellosen in Deutschland weiter gewachsen.

Das geht aus dem neuen Armuts- und Reichtumsbericht hervor, der koalitionsintern umstrittenen war und den das Bundeskabinett nach monatelanger Diskussion billigte.

Von Armut bedroht sind unverändert zwischen 14 und 16 Prozent der Bundesbürger. Laut Bericht verfügen die reichsten zehn Prozent der Haushalte über 53 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die gesamte untere Hälfte der Haushalte besitzt dagegen nur gut ein Prozent. Gestrichen wurde aber der Satz «Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt».

Dies geschah im Zuge der Ressortabstimmung, in der Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Änderungen am Entwurf von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) durchsetzte. Dabei entfiel auch jener Satz. Kritiker werfen der Regierung deshalb «Schönfärberei» vor.

Der 548 Seiten starke Report trägt den Titel «Lebenslagen in Deutschland» und erscheint zum vierten Mal. Am Mittag will von der Leyen die Ergebnisse in einer Pressekonferenz erläutern. Erfreulich sei, dass die real verfügbaren Einkommen sich seit 2005 insgesamt positiv entwickelt hätten, heißt es in dem Bericht. Allerdings nahm der Niedriglohnsektor und atypische Beschäftigung wie Leih- und Zeitarbeit oder befristete Jobs weiter zu.

Rösler verteidigte die Änderungen und wies den Vorwurf der Schönfärberei zurück: «Ich halte das schlichtweg für Wahlkampfrhetorik», sagte Rösler in München. Jeder wisse, dass es Deutschland so gut gehe, wie schon lange nicht mehr. Das zeigten auch die guten Arbeitsmarkt- und Wachstumszahlen. Dies müsse auch dargestellt werden.

Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Hubertus Heil, kritisierte: «Auf Druck der FDP frisiert die Merkel-Regierung den Armuts- und Reichtumsbericht. Damit verkennt sie die sozialen Realitäten in Deutschland und verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen.»

Grünen-Chef Cem özdemir sprach sich dafür aus, den Bericht künftig von unabhängigen Experten erstellen zu lassen. «Wissenschaftler sollen - so wie beim Sachverständigenrat - ein Gutachten vorlegen über Armuts- und Reichtumsverteilung in dieser Gesellschaft», sagte er im ZDF-«Morgenmagazin» des ZDF. «Dann haben wir diesen unwürdigen Streit nicht.»

Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach ist der Armutsbericht «ein Armutszeugnis der Bundesregierung». Obwohl die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen sei, gebe es mehr Armut in Deutschland, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht in dem Vorgang eine «peinliche Hofberichterstattung» und forderte ebenfalls eine unabhängigen Expertenkommission.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt verteidigte die Ausweitung des Niedriglohnsektors. Über ihn hätten «immer mehr Langzeitarbeitslose den Weg zurück in Beschäftigung gefunden». «Wir brauchen einen funktionierenden Niedriglohnsektor», sagte er dem SWR.