Berlin (dpa) - Die Aufregung um den nachgebesserten Armuts- und Reichtumsbericht ist aus Sicht von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen unberechtigt. Alles, was wichtig sei, stehe drin: Positives und Negatives. Die Opposition sieht das ganz anders: Kritische Passagen seien aus dem ersten Entwurf schnell gestrichen worden.

Nach von der Leyens Ansicht schneidet Deutschland im Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Einkommensungleichheit gut ab. «Wir stehen heute im internationalen Vergleich sehr gut da», sagte sie am Mittwoch in Berlin bei der Vorlage des aktuellen Armuts- und Reichtumsberichts. Die Einkommensschere habe sich nicht weiter geöffnet, zuletzt 2011 habe sie sich sogar wieder etwas geschlossen. Verbessert werden müssten aber die Erwerbstätigkeit von Frauen sowie die Aufstiegschancen junger Langzeitarbeitsloser.

Von der Leyen wies Kritik zurück, in dem Bericht seien nach Widerstand von FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler zahlreiche kritische Passagen wieder gestrichen worden. «Die Themen sind drin, und die kann man nachlesen», hielt sie Opposition und Sozialverbänden entgegen. Diese werfen der schwarz-gelben Regierung vor, die Realität auszublenden und Schönfärberei zu betreiben.

Nach Darstellung der Ministerin gibt es nach wie vor einen Hinweis darauf, dass Privatvermögen in Deutschland sehr ungleich verteilt sei. Allerdings bezieht sich diese Feststellung auf die Lage in Ost und West, und nicht - wie ursprünglich - auf Arm und Reich. Es stimme auch nach wie vor die Aussage, dass eine Einkommensspreizung das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung verletze. Der Satz wurde aus dem Text entfernt. Es werde auch «glasklar gezeigt», dass es in Deutschland Stundenlöhne von weniger als 8,50 Euro gebe.

Der Armuts- und Reichtumsbericht mit knapp 550 Seite war in der Koalition lange umstritten und wurde vom Kabinett erst nach monatelanger Diskussion gebilligt. Danach ist die Kluft zwischen Vermögenden und Mittellosen in Deutschland trotz insgesamt guter Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt weiter gewachsen.

Die reichsten zehn Prozent der Haushalte verfügen über 53 Prozent des gesamten Nettovermögens (Stand: 2008). 2003 waren es 49 Prozent. Die gesamte untere Hälfte der Haushalte besitzt dagegen nur gut ein Prozent - nach drei Prozent im Jahr 2003.

Mit Blick auf die textlichen Änderungen sprach von der Leyen von normaler Ressortabstimmung. Rösler wies den Vorwurf der Schönfärberei ebenfalls zurück: «Ich halte das schlichtweg für Wahlkampfrhetorik.» Jeder wisse, dass es Deutschland so gut gehe, wie lange nicht. Das zeigten auch die guten Arbeitsmarkt- und Wachstumszahlen.

SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil kritisierte, auf Druck der FDP habe die Merkel-Regierung den Bericht «frisiert». Grünen-Chef Cem Özdemir sprach sich dafür aus, den Bericht von unabhängigen Experten erstellen zu lassen. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach nannte den Bericht «ein Armutszeugnis der Bundesregierung». Obwohl die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken sei, gebe es mehr Armut. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt verteidigte die Ausweitung des Niedriglohnsektors.

Der Report trägt den Titel «Lebenslagen in Deutschland» und erscheint zum vierten Mal. Darin wird als erfreulich aufgeführt, dass die real verfügbaren Einkommen sich seit 2005 insgesamt positiv entwickelt hätten. Allerdings nahmen der Niedriglohnsektor und sogenannte atypische Beschäftigung wie Leih- und Zeitarbeit oder befristete Jobs weiter zu.

Von der Leyen sagte, die Einkommensungleichheit habe zuletzt nicht mehr zugenommen: «Wir sind gut und besser als der OECD-Durchschnitt.» Aktuell sei ein Auseinanderdriften der Einkommen gestoppt worden. Ausdruck einer besseren Entwicklung sei, dass 250 000 Kinder weniger auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen seien.

Als «absolute Erfolgsgeschichte» nannte die CDU-Politikerin den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit. «Ganz erfreulich» sei die deutliche Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Allerdings arbeiteten 45 Prozent der Frauen in Teilzeit. Mit 18,5 Stunden im Wochendurchschnitt sei Deutschland Schlusslicht in Europa. Von der Leyen sprach sich für die Einführung eines Rechtsanspruchs auf Rückkehr in Vollzeit aus.