Rom (dpa) - Erster Arbeitstag für Franziskus: Nach seiner historischen Wahl zum neuen Kirchenoberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken hat sich der erste Papst aus Lateinamerika am Donnerstag der Öffentlichkeit gezeigt und in einer Kirche gebetet.

Mit Spannung wird seine erste Messe erwartet, die der 76-Jährige am Nachmittag in der Sixtinischen Kapelle mit allen in Rom versammelten Kardinälen feiern will. Darunter sind die 115 Purpurträger, die am Konklave teilgenommen hatten. Mit seinem bescheidenen Auftreten weckt der Argentinier Jorge Mario Bergoglio international Hoffnungen auf mehr soziale Gerechtigkeit und ein friedliches Miteinander der Religionen.

Die nächsten Termine für den Nachfolger des deutschen Papstes Benedikt XVI. stehen fest: An diesem Sonntag spricht er sein erstes Angelus-Gebet auf dem Petersplatz, zu dem tausende Gläubige erwartet werden. Am kommenden Dienstag wird Franziskus mit einer feierlichen Messe ins Amt eingeführt - und erhält die Insignien der päpstlichen Macht, so das Pallium, eine Art Stola, und den Fischerring.

Zu dem Gottesdienst werden Staatschefs und andere Persönlichkeiten aus aller Welt erwartet, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Präsidentin seines Heimatlandes, Cristina Fernández de Kirchner. Sie hatte zu dem bisherigen Erzbischof von Buenos Aires ein eher gespanntes Verhältnis, weil er oft gegen die Regierungspolitik etwa in Sachen Homo-Ehe oder Abtreibungsrecht Front machte. Eine Generalaudienz am Mittwoch soll es entgegen ersten Informationen nicht geben. Stattdessen will Franziskus laut Radio Vatikan Vertreter anderer Kirchen und Religionen empfangen. Seine erste große Auslandsreise dürfte ihn zum Weltjugendtag im Juli nach Rio de Janeiro führen.

Auf Franziskus warten gewaltige Aufgaben. Die katholische Kirche leidet nach Ansicht von Kritikern unter einem Reformstau. Auch die Kurie und die Vatikanbank gerieten in Verruf. Zu seinem Vorgänger Benedikt, der am 28. Februar aus Altersgründen zurückgetreten war, sucht der Argentinier offensichtlich engen Kontakt. Er will Benedikt bald treffen, aber noch nicht in den allernächsten Tagen, wie Vatikan-Sprecher Federico Lombardi sagte. Nach seiner Wahl am Mittwochabend - das Konklave gehörte zu den kürzesten der Geschichte - hatte der neue Papst Joseph Ratzinger in Castel Gandolfo angerufen, wo dieser derzeit wohnt.

Nach Einschätzung des Freiburger Kirchenexperten Ulrich Ruh kann sich Bergoglio als Erneuerer der katholischen Kirche erweisen. «Er steht für eine sozial engagierte und sensible Kirche», sagte der Chefredakteur der renommierten theologischen Fachzeitschrift «Herder Korrespondenz» im dpa-Expertengespräch. «Die Reformer haben Grund, ihn als Chance zu sehen.»

Der Erzbischof von München-Freising, Kardinal Reinhard Marx, erwartet vom neuen Papst die eine oder andere Überraschung. «Es ist ein anderer Stil, eine andere Art und Weise, das Evangelium noch einmal ganz frisch und neu den Menschen nahe zu bringen. Und das wird man schon spüren», sagte Marx, einer der sechs deutschen Papstwähler, in Rom. Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki sagte: «Ich denke, dass er versuchen wird, auch in der Kurie einen neuen Stil hineinzubringen.»

Neben Palästinenserpräsident Mahmud Abbas lud auch Israels Präsident Schimon Peres den Papst ins Heilige Land ein. Die in den Palästinensergebieten gelegene Stadt Bethlehem gilt als Geburtsort von Jesus Christus. Die einflussreiche russisch-orthodoxe Kirche hofft auf bessere Beziehungen zum Vatikan in der Ökumene. «Er hat nicht nur einmal seine spirituelle Sympathie für die orthodoxe Kirche bekundet», sagte Metropolit Ilarion vom Moskauer Patriarchat mit Blick auf den neuen Papst. Kirchenvertreter in Moskau lobten seine konservative Haltung etwa bei der Homo-Ehe.

Andere Religionsgemeinschaften äußerten die Hoffnung auf eine Fortsetzung und Verbesserung der interreligiösen Zusammenarbeit. «Wir hoffen auf fruchtbare Dialoge und weitere Impulse», sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Der Jüdische Weltkongress in New York hofft, die «engen Beziehungen weiterzuführen», ebenso äußerte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Franziskus suchte am Morgen nach seiner Wahl die wichtige römische Basilika Santa Maria Maggiore für ein Gebet auf. Dutzende Menschen, darunter viele Fotografen, erwarteten ihn. Der Papst wurde unter anderem begleitet von Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Haushalts. Die Marien-Basilika in der Nähe des Hauptbahnhofs gehört zu den bedeutendsten Vatikan-Kirchen in Rom.

Kommentatoren in Rom sprachen am Donnerstag von einer «epochalen Wahl». Der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri gab sich den Papstnamen Franziskus nach dem heiligen Franz von Assisi - auch dies einmalig in der Kirchengeschichte. Erstmals seit dem Syrer Gregor III. im 8. Jahrhundert stammt ein Papst nicht aus Europa. Oft wird Bergoglio als Anwalt der Armen bezeichnet.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sprach von einem Zeichen für den Glauben und die Kirche. Der 76-Jährige werde trotz seines hohen Alters kraftvoll sein und das Amt ausfüllen, sagte der Freiburger Erzbischof der Nachrichtenagentur dpa. Kritische Laieninitiativen in Deutschland erwarten vom Papst mehr Dialog und Reformen etwa bei der Sexualmoral der katholischen Kirche.

Einen Bezug zu Deutschland hat Bergoglio auch: In den 80er Jahren verbrachte er einige Monate an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Er habe an der kirchlichen und staatlich anerkannten Hochschule aber weder studiert noch promoviert, so die Hochschule. Der Jesuit habe sich vielmehr mit einzelnen Professoren über ein mögliches Dissertationsthema beraten.

Vatikan

Website Vatikan-News

Vatikan-Insider von La Stampa, engl.

Twitter-Liste @dpa_news/papst-vatikan-kirche

Twitter-Liste @dpa_news/vatikan-experten

Bundesregierung zu Vatikan