Damaskus/Istanbul (dpa) - Während die Opposition in Istanbul ihren neuen Ministerpräsidenten vorstellt, eskaliert in Syrien die militärische Gewalt. Bei einem Raketenangriff in Aleppo wurde möglicherweise Giftgas eingesetzt.

Die syrische Opposition hat den konservativen Regimekritiker Ghassan Hitto zum Ministerpräsidenten ihrer Übergangsregierung gewählt. In seiner ersten Rede sagte der 50 Jahre alte IT-Fachmann am Dienstag in Istanbul, im Kampf gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad sei jedes Mittel angemessen.

Etwa zur gleichen Zeit schlug in der syrischen Provinz Aleppo nahe der Frontlinie eine Rakete ein, die nach Angaben von Rebellen und staatlichen Medien Giftgas trug. Beide Bürgerkriegsparteien gaben jeweils der anderen Seite die Schuld an dem Angriff, bei dem es zahlreiche Tote und Dutzende von Verletzten gegeben haben soll.

Hitto, der die US-Staatsbürgerschaft besitzt, sagte, seine Prioritäten seien der Sturz des Regimes von Präsident Baschar al-Assad und die Versorgung der Bevölkerung in den von Rebellen kontrollierten Gebieten. Wenige Stunden nach seiner Wahl durch die oppositionelle Nationale Syrische Koalition erklärte er, bei der Auswahl seiner Minister werde er sich an den Fähigkeiten der Kandidaten orientieren und nicht auf einen politischem Proporz Rücksicht nehmen. Dies wurde von anderen Oppositionellen allerdings angezweifelt. Die Offiziere der syrischen Armee rief Hitto auf, «ihre Waffen niederzulegen und sich dem Volk anzuschließen».

Hitto ist gegen Verhandlungen mit dem Regime. Er wird von den Muslimbrüdern unterstützt und erhielt bei der nächtlichen Abstimmung in Istanbul 35 von insgesamt möglichen 65 Stimmen. Ein Delegierter sagte, wegen unterschiedlicher Meinungen hätten nur 48 Oppositionelle abgestimmt. Zweiter wurde Asaad Mustafa, der unter dem früheren Präsidenten Hafis al-Assad Landwirtschaftsminister gewesen war.

Hitto hatte in den vergangenen Jahren mit seiner Familie in den USA gelebt. Er war erst vor kurzem in die Türkei umgezogen, um sich ganz der Hilfe für syrische Flüchtlinge und Vertriebene zu widmen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) begrüßte die Wahl Hittos zum Übergangspremier. Dies sei «ein weiterer Schritt zur Einigung und Festigung» der Opposition, erklärte er am Dienstag am Rande eines Besuches in Tunesien.

Die Gegner des Assad-Regimes hatten lange darüber gestritten, ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt für die Bildung einer eigenen Regierung gekommen sei.

Unterdessen meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana, Terroristen hätten in der Ortschaft Chan al-Asal in der Provinz Aleppo Chemiewaffen eingesetzt und damit 25 Menschen getötet. Zudem seien durch die Attacke 86 Zivilisten und Soldaten verletzt worden. Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter sprach von 26 Toten, darunter 16 Soldaten. Sie konnte den Einsatz von Giftgas jedoch nicht bestätigen. Das russische Außenministerium bewertete den Vorfall als eine «äußerst beunruhigende und gefährliche Entwicklung in der Syrienkrise».

Eine lokale Rebellen-Einheit veröffentlichten ihrerseits eine Video-Botschaft, in der sie behauptete, die Regierungstruppen hätten eine «Scud»-Rakete auf den Ort abgeschossen, der zwischen Rebellen und der Armee umkämpft ist. Dabei hätten sie ihr Ziel, eine Polizeischule in der Nähe der Front, verfehlt und versehentlich ihre eigenen Anhänger bombardiert. Ein Oppositioneller aus Aleppo sagte: «Wir wissen nicht genau, ob es wirklich eine Giftgas-Attacke war, vielleicht hat die Rakete auch eine Fabrik getroffen, aus der dann giftige Gase ausgetreten sind.»

US-Präsident Barack Obama hatte im August vergangenen Jahres mit einem Militärschlag gegen Syrien gedroht, sollte das Assad-Regime chemische Waffen einsetzen oder deren Einsatz vorbereiten. Die US-Regierung hatte dem Assad-Regime und «jedem Spieler in der Region unmissverständlich klar gemacht, dass es eine rote Linie für uns wäre, es enorme Konsequenzen hätte, wenn wir an der Chemiewaffenfront Bewegung oder einen Einsatz sehen», so der Präsident damals weiter.

Insgesamt wurden am Dienstag in Syrien nach Angaben von Regimegegnern 65 Menschen getötet.