Nikosia (dpa) - Auf der kleinen Insel Zypern ist von einer Pleite bislang nicht viel zu merken. Die Geldautomaten spucken noch immer Scheine aus. Touristen und Einheimische konnten sich auch am Mittwoch wie gewohnt Bargeld holen. Noch.

Denn das Online-Banksystem funktioniert seit Samstag nicht. Ende des Monats müssen die Gehälter überwiesen werden. Reeder können ihre Besatzungen nicht bezahlen. Schon heute können keine Medikamente im Ausland gekauft werden.

Nun will die Regierung ein Sondergesetz durchs Parlament drücken, das Auslandsüberweisungen ohne Genehmigung der Zentralbank vorübergehend untersagt. «Im schlimmsten Fall werden die Leute dann ihr Geld holen und es unter der Matratze verstecken», sagte der Filialleiter einer zyprischen Bank im Zentrum Nikosias am Mittwoch.

Derweil wachsen - am Tag nach dem klaren Nein des zyprischen Parlamentes zur Zwangsabgabe für Bankeinlagen - bei den Menschen die Wut und die Angst. Die Zyprer glauben, die EU unternehme ein Experiment mit ihnen. «Sie haben etwas in der freien Marktwirtschaft Undenkbares an uns kleinen und schwachen Zyprern versucht, nämlich unser Geld zu konfiszieren,» sagen Menschen auf der Straße. «Das machen wir nicht mit», hieß es fast einstimmig in Nikosia.
  

«Ich zahle gerne mehr Steuern. Und gern soll mir der Lohn gekürzt werden», sagt der Besitzer einer Taverne in der Ledras Straße im Zentrum Nikosias. «Aber das Geld aus dem Verkauf des Grundstücks meines Opas bleibt hier.»

Andreas Stylianou, ein Ingenieur, erzählt, er habe vor drei Wochen eine Wohnung verkauft, um seiner Tochter eine Mitgift zu geben. Sie wolle in Griechenland heiraten und dort eine Wohnung kaufen. «Mit dem stupiden Eurogruppen-Programm würde ich 23 000 Euro verlieren», flucht er.

Eines der Feindbilder auf der Straße und in Medien heißt Angela Merkel. «Diese Frau wird eines Tages Europa zur Katastrophe führen», sagt der 37-jährige Miltos Dimitriou. Ähnlich ist das Bild in den Zeitungen: Eine Karikatur zeigt eine Schere, die 1974 den Nordteil Zyperns, mit der damaligen türkischen Invasion, abtrennt. Darunter wieder die Karte Zyperns - heute mit drei anderen Scheren die den Rest Zyperns zerstückeln. Diesmal sind die Scheren deutsch. In Zeitungen waren sogar Fotos mit Hakenkreuzen und der Bundeskanzlerin zu sehen.

Das konservative Blatt «Simerini» rügt, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wisse nicht, dass Zypern nach der türkischen Invasion versucht habe, einen Platz an der Sonne zu finden. Schäuble wisse wohl auch nicht, dass «wir damals 87 Prozent der Hotels, 40 Prozent der Schulen und 48 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion verloren haben», meinte der Kommentator. Den Zyprern sei nichts anderes geblieben, als den Tourismus, die Finanzdienstleistungen und die Handelsschifffahrt zu fördern. 36 Reedereien in Limassol seien deutsch, nur drei dagegen russisch, bemerkte das Blatt.

Die Probleme Zyperns bleiben indes ungelöst. Die Insel muss 5,8 Milliarden Euro finden, um hoffen zu können, dass die anderen Europäer Nikosia mit zehn Milliarden Euro unter die Arme greifen. Die Regierung will an die Solidarität aller Zyprer appellieren. Staatsanleihen sollen ausgegeben werden. Die Kirche will mit ihrem ganzen Vermögen daran teilnehmen, sagte Erzbischof Chrysostomos. Auch die Gelder der Pensionskassen sollen benutzt werden. Nikosia sondiert, ob Moskau mit einem Kredit helfen könnte. Fraglich ist, ob die Troika das als Lösung akzeptiert.

Fielen die Geldgeber aus der EU und vom IWF aus, wäre Zypern den Russen ausgeliefert. Die Zyprer haben seit Jahrzehnten ein gutes Verhältnis zu den orthodoxen Brüdern aus dem Osten Europas. Nur Moskau erwartet Gegenleistungen für Hilfe. Ins Visier sind die reichen Erdgasvorkommnisse die südlich von Zypern gerasten. Russland könnte Zypern praktisch kaufen.

Und dann käme noch ein geopolitischer Aspekt ins Spiel. Im Süden Zyperns gibt es eine große Marinebasis, bei Zygi, die sofort als Stützpunkt der russischen Flotte im Mittelmeer benutzt werden könnte. Die Russen suchen zurzeit nach einem Ersatz für einen möglichen Verlust des syrischen Hafens Tartus. Auch Israel ist beunruhigt. Das Land hat nur einen schmalen Korridor mit Europa, der über Zypern nach Griechenland geht.