Washington (dpa) - Der jüngere der beiden mutmaßlichen Boston-Attentäter hat laut US-Medien eine Beteiligung internationaler Terrorgruppen am tödlichen Anschlag auf den Marathon bestritten.

Wie der Überlebende der beiden tschetschenischen Brüder, Dschochar Zarnajew (19), im Krankenhaus aussagte, sei sein Bruder Tamerlan (26) treibende Kraft gewesen. Tamerlan habe sich vom Heiligen Krieg motivieren lassen. Dabei habe das Internet eine große Rolle gespielt, meldete der TV-Sender CNN am Dienstag unter Berufung auf einen Regierungsmitarbeiter. Der schwer verletzte 19-jährige Dschochar Zarnajew war tags zuvor wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen angeklagt worden. Ihm droht die Todesstrafe.

Dschochar Zarnajew, der nach wie vor einen Beatmungsschlauch in seinem Rachen hat, zeige sich in den Vernehmungen kooperativ, so die Ermittler. Er kommuniziere mit ihnen schriftlich oder durch Kopfbewegungen. Sein getöteter, älterer Bruder Tamerlan (26) sei besessen von der Idee gewesen, dass der Islam attackiert werde und die selbsternannten Gotteskrieger zurückschlagen müssten, erklärte Zarnajew nach CNN-Informationen. Sein Bruder und mutmaßlicher Komplize Tamerlan Zarnajew war bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei am Freitag ums Leben gekommen.

Möglicherweise schützte den älteren Zarnajew ein Tippfehler in Einreisedokumenten vor Verfolgung durch US-Ermittler. Nach Berichten von US-Medien sei Tamerlan Zarnajew 2012 unerkannt von einem Besuch im Kaukasus in die USA heimgekehrt. Bereits 2009 hatte der russische Geheimdienst Alarm geschlagen. Das FBI kam der Bitte nach, Tamerlan auf radikale Tendenzen zu überprüfen. Man befürchtete, er könnte sich einer radikalen Untergrundorganisation anschließen. Das FBI prüfte - ergebnislos. Die US-Bundespolizei bemerkte nicht, als der junge Mann im vergangenen Sommer von einer sechsmonatigen Russlandreise zurückkehrte.

Die Ermittler müssten nun Tamerlans Internetaktivitäten auswerten. Außerdem gewannen sie weitere Erkenntnisse aus Videoaufnahmen am Tatort des 15. April. Auf den Bildern, die den jüngeren der beiden Brüder zeigen, habe dieser völlig ruhig und gelassen gewirkt, als er den schwarzen Rucksack mit der mutmaßlichen selbstgebauten Bombe in der Zuschauermenge vor der Ziellinie des Boston-Marathons plazierte.

Der 19-Jährige muss sich vor einem Zivilgericht wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen verantworten. Eine Richterin verlas dem durch mehrere Schusswunden Verletzten am Montag die Anklageschrift am Krankenbett in einer Bostoner Klinik. Zarnajew soll der Anklagebehörde zufolge für den Tod von drei Menschen und die Verletzungen von 200 weiteren zur Verantwortung gezogen werden.

"Das Ausmaß dieser Verbrechen ist groß und betrifft eine weltweite Gemeinschaft, die Frieden und Gerechtigkeit will", sagte die Staatsanwältin von Massachusetts, Carmen Ortiz. "Wir hoffen, dass diese Anklage der gesamten Öffentlichkeit sowie den Opfern und ihren Angehörigen Mut macht (...)."

Während der Anklageverlesung sei Zarnajew "wach, mental aufnahmefähig und bei klarem Verstand" gewesen, gab Richterin Marianne B. Bowler zu Protokoll. Auf die Frage, ob er in der Lage sei, einige Fragen zu beantworten, habe der Angeklagte deutlich genickt. Infolge seiner Verletzungen kann er nicht sprechen. Ein einziges Wort habe Zarnajew gesagt: ein "Nein" auf die Frage, ob er sich einen Anwalt leisten könne. Ihm wurde ein Rechtsbeistand zur Seite gestellt.

Am Dienstag wurde bekannt, dass der ältere der beiden Brüder, Tamerlan, zweimal in Österreich war. 2007 und 2009 soll er sich insgesamt etwa eineinhalb Wochen bei Box-Veranstaltungen in Salzburg und Innsbruck aufgehalten haben. Entsprechende Medienberichte bestätigte das österreichische Innenministerium der dpa.

CNN-Bericht

Bericht New York Times

FBI-Mitteilung

Krankenhaus-Homepage

ACLU-Erklärung zu "Miranda-Rechten"

Artikel Pro Publica

Artikel New York Times

Video des Boston Globe zur Explosion

Video von der Explosion bei Vine

Video von Polizei-Infrarotfilm auf Youtube

Twitterfeed der Boston Polizei

FBI-Mitteilungen zum Anschlag

Homepage des Heimatschutz-Ministeriums

Homepage der Stadt Boston

Karte vom Tatort - Bereich der Ermittlungen

Erklärung der UMass Dartmouth

Artikel Boston Globe