Berlin (dpa) - "Jetzt, liebe Claudia, ist alles gesagt", schnarrt Sigmar Gabriel. "So machen wir das." Die Delegierten des Grünen-Parteitags sind so aus dem Häuschen von der deftigen Brandrede von Parteichefin Claudia Roth gegen Schwarz-Gelb, dass Gabriel eigentlich gar nichts mehr sagen muss.

Doch der SPD-Chef gibt seinen Einstand auf einem Grünen-Parteitag dann doch ausführlich - und beschwört den rot-grünen Wechsel als Richtungsentscheidung. "Wir müssen die Zukunft zurück in die Politik holen."

Ist es Liebe zwischen Rot und Grün? Herzlich schmieden sie Pläne für morgen. Zumindest auf offener Bühne. Roth ruft den 800 Delegierten gerade zu: "Eine Wirtschaft, die sich nicht ökologisiert, hat keine Chance." Da sitzt Gabriel in der ersten Reihe zwischen den zwei grünen Spitzenkandidaten, im Geplauder mit dem nach vorn gebeugten Jürgen Trittin, von Ex-Umweltminister zu Ex-Umweltminister. Katrin Göring-Eckardt schaltet sich von ihrem Platz rechts mit ein. Ausgelassen feixen die drei.

Acht Jahre nach dem Ende von Rot-Grün spielt Gabriel mit der neuen, alten Nähe zu den Grünen. Gibt es noch etwas anderes als diese Zweierbeziehung? "Gucken, na ja, das machen wir doch alle irgendwann mal im Leben." Die schnodderige Bemerkung ist eine Anspielung auf vergangene Schwarz-Grün-Debatten bei den Grünen. Sie ist aber auch ein Hinweis auf die großkoalitionäre Option der Roten.

Rot-Grün steht im Moment noch ziemlich in den Sternen. Die Umfragen geben den Wechsel noch nicht her. Kurs halten, das ist Trittins Rezept: "Die Mutlosen von heute, das sind die Verlierer von morgen." Man brauche, meint er später, rund 6 Millionen Wähler im Herbst. 2009 waren es 4,6 Millionen.

Den Zugewinn wollen sie nicht nur mit dem ökologischen Herzensthema Umwelt organisieren, sondern mit dem fast schon sozialdemokratischen Ruf nach einem starken Staat. Vermögensabgabe, 49-Prozent-Spitzensteuersatz ab 80 000 Euro brutto, Abbau des Ehegattensplittings, Tempolimit, Hartz-IV-Satz von 420 Euro - das sind die Leitplanken.

Der Steuer- und Abgabenwahlkampf ist eröffnet. Die Koalition teilt noch während des Grünen-Parteitags kräftig aus. Doch das dürfte die Grünen und Roten nicht stören, wollen sie doch lieber Polarisierung, als sich abzuarbeiten an einer "Teflonkanzlerin, an der nichts hängen bleibt", wie Roth es sagt.

Die Anhänger vom Chefpolarisierer Trittin strotzen in der Parteitagshalle, dem Berliner Velodrom, vor Selbstbewusstsein. Fast alle Änderungswünsche an dem von ihm maßgeblich mitgeschneiderten Programm schmettern die Delegierten ab.

Doch auch Winfried Kretschmann zeigt Haltung, obwohl der baden-württembergische Ministerpräsident mit seinem Appell zum Maßhalten nicht recht durchdringt. "Steuererhöhungen waren schon immer Bestandteil der Programmentwürfe", hat der Sympathieträger aus dem Südwesten seine Parteifreunde im Bund vorher noch schnell per Interview wissen lassen. "Und dass man da gerne mal übertrieben hat, ist genauso wenig neu."

Kretschmann versus Trittin - Realos gegen Parteilinke? Offiziell drehte sich der Streit um die laut Kretschmann wirtschaftsfeindliche Vermögensteuer. Doch die erwägen die Grünen sowieso erst für irgendwann später einmal.

"Kretschmann macht kein Trockenschwimmen mehr", erläutert eine erfahrene Grüne. Er regiert, die Wahlperiode im Südwesten dauert noch drei Jahre. Grün-Rot ist hier mitten im Praxistest. Trittin ist hingegen noch in der Opposition. Und so auf einen Wahlsieg im Herbst im Bund fixiert, dass er alle Bedenken lieber wegwischt.

Was wird aus der Grünen-Führungsriege, wenn es mit einem Machtwechsel im Herbst nicht klappt? Göring-Eckardt gilt als gesetzt etwa als Fraktionschefin. Doch würde Trittin eine Niederlage wegstecken können, obwohl er den Wahlkampfkurs bestimmt? Wer ihn nicht so mag bei den Grünen, beschreibt ihn als nervös.

Was wird aus den gefühlt schon ewig in erster Reihe stehenden Frauen Renate Künast und Claudia Roth? Wo findet Cem Özdemir seinen Platz? In den Ländern sammelt die Grünen-Generation 40 plus immer länger Erfahrung - und auch auf dem Parteitag zeugen viele Junge vom Generationswandel bei den Grünen.

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