München (dpa) - Nach der Verlosung der Presseplätze im Münchner NSU-Prozess muss sich das Bundesverfassungsgericht möglicherweise erneut mit dem Vergabeverfahren befassen.

Nach dem Berliner "Tagesspiegel" will auch die Wochenzeitung "Die Zeit" eine Klage in Karlsruhe prüfen, kündigte Chefredakteur Giovanni di Lorenzo am Dienstag im RBB-Inforadio an.

Mit etwas mehr Menschenverstand hätte man eine Lösung finden können, die die gesamte Diskussion darüber überflüssig gemacht hätte, sagte di Lorenzo. Als Beispiel nannte er eine Videoübertragung in einen anderen Gerichtssaal. "Das Losverfahren ist im Ergebnis eine Farce. Es ist die zweitschlechteste Lösung. Noch schlechter war der Ausschluss der Journalisten aus den Ländern, aus denen die meisten Opfer kommen", sagte di Lorenzo. "Das, was jetzt herausgekommen ist, hat mit Information der Öffentlichkeit sehr wenig zu tun."

Auch die "Tagesspiegel"-Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt erklärten, dass sie eine Klage erwägen. Das Losverfahren sei unnötig, sein Ergebnis lächerlich. "Dass ausgerechnet beim größten Neonazi-Prozess seit Jahrzehnten die Redakteure mit der größten Kompetenz und Erfahrung auf diesem Gebiet nicht zugelassen sind, dass ihnen ihre Akkreditierung entzogen wurde - das ist eine Farce."

Die Rechtsanwältin Angelika Lex - sie vertritt die Witwe eines NSU-Mordopfers als Nebenklägerin - befürchtet angesichts möglicher Klagen gegen das Losverfahren eine erneute Prozessverschiebung. "Ich finde es sehr bedauerlich, dass wir wieder Unsicherheit haben, ob das Verfahren tatsächlich am nächsten Montag beginnen kann"" sagte Lex dem Bayerischen Rundfunk.

Dies sei eine "unglaublich belastende Situation" für die Nebenkläger. "Vor allem ist es eine Belastung, dass der Streit um die Formalien die Diskussion bestimmt und nicht die Mordserie und das Leid der Angehörigen und der Opfer", sagte Lex.

Bei der Verlosung der 50 Presseplätze für den NSU-Prozess am Montag waren eine ganze Reihe überregionale Zeitungen leer ausgegangen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte ebenso wenig Glück wie "Die Zeit", die Berliner "tageszeitung" (taz) oder "Die Welt". Dagegen sind türkische und griechische Medien diesmal dabei, wie das Münchner Oberlandesgericht (OLG) im Anschluss an die Verlosung mitteilte. Journalistenverbände übten scharfe Kritik.

Der Prozess um die rassistisch motivierten Morde und Anschläge des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) soll nun am 6. Mai beginnen. Er war wegen der Querelen um die Platzvergabe um fast drei Wochen verschoben worden. Der Hauptangeklagten Beate Zschäpe wird Mittäterschaft vorgeworfen. Angeklagt sind außerdem vier mutmaßliche Helfer und Unterstützer.

Der Verlosung der Presseplätze waren wochenlange Streitereien auch vor Gericht vorausgegangen. Im ersten Anlauf, als bei der Vergabe noch die Reihenfolge der Anmeldungen entscheidend war, kamen keine türkischen Medien zum Zuge. Acht von zehn Mordopfern stammten aus der Türkei. Schließlich ordnete das Bundesverfassungsgericht an, dass mindestens drei Plätze für ausländische Medien reserviert werden müssen, insbesondere für türkische. Der Senat entschied sich für die komplette Neuvergabe der Akkreditierungen - per Los.

OLG-Verfügung zur Presseakkreditierung

Pressemitteilung Bundesverfassungsgericht

Pressemitteilung zur Anklageerhebung