Berlin (dpa) - Mit unmissverständlicher Klarheit hat Bundespräsident Joachim Gauck die Steuerhinterziehung in Deutschland gegeißelt. "Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial", sagte er dem Magazin "Stern".

Mit Blick auf den Präsidenten des FC Bayern München, Uli Hoeneß, betonte Gauck in dem am Mittwoch verbreiteten Gespräch: "In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen." Hoeneß selbst präsentierte sich unterdessen als reuiger Steuersünder.

Die Schweiz ist nach der Bundestagswahl grundsätzlich bereit, erneut über ein Steuerabkommen mit Deutschland zu verhandeln. Unmittelbar vor einem Treffen mit seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle (FDP) sagte der Schweizer Außenminister Didier Burkhalter der "Bild am Feiertag" (Mittwoch): "Wenn Deutschland nach seiner Ablehnung das Gespräch mit uns suchen will, sind wir offen. Der heutige Zustand mit Zufallsfunden und rechtlich fragwürdigen CD-Käufen ist für beide Seiten unerfreulich."

Die Unions-Fraktion begrüßte die Verhandlungsbereitschaft der Schweiz erwartungsgemäß. Aber auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hält neue Verhandlungen für möglich. Das von der schwarz-gelben Koalition ausgehandelte Abkommen war vor kurzem am Widerstand des von SPD und Grünen dominierten Bundesrats gescheitert.

Steinbrück betonte bei einer Maikundgebung im westfälischen Bergkamen, das Vorhaben der Regierung hätte dazu geführt, dass keine Steuer-CDs mehr angekauft werden könnten und damit der Druck auf Steuerhinterzieher entfallen wäre, die ihr Geld in die Schweiz gebracht haben. Hoeneß hatte sich selbst angezeigt, als er erkannte, dass ein Deutsch-Schweizer Steuerabkommen, welches Anonymität garantiert hätte, nicht mehr zustande kommt.

Gauck plädierte dafür, grundsätzlich darüber nachzudenken, "ob nicht auch strengere Gesetze nötig sind, die aus einer fragwürdigen Handlung einen Straftatbestand machen". SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier schätzt die Chancen für eine von Regierung und Opposition gemeinsam getragene Initiative zur Strafverschärfung derzeit gering ein. Die strafbefreiende Selbstanzeige werde aber auf Dauer keinen Bestand haben, sagte der SPD-Politiker den Dortmunder "Ruhr Nachrichten" (Dienstag).

SPD und Grüne plädieren für höhere Hürden bei der Straffreiheit per Selbstanzeige beziehungsweise eine Begrenzung auf Bagatellfälle. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zu Beginn der Woche angeregt, eine Unions-Arbeitsgruppe prüfen zu lassen, ob die 2011 geänderten Regeln zur Straffreiheit bei Selbstanzeige verschärft werden sollten. Gabriel gab Gauck am Sonntag in der aktuellen Debatte recht: "Bundespräsident Gauck nennt Steuerbetrug asozial. Stimmt! Die wahren Asozialen sind die, die alles mitnehmen, was Deutschland zu bieten hat, aber Steuerbetrug begehen."

Zum Fall Hoeneß sagte der Bundespräsident, er erschrecke jedes Mal, "wenn Sympathieträger stürzen, weil sie irgendwie verstrickt sind. Eigentlich ist es mehr als ein Schreck - ich ärgere mich." Gauck betonte: "Ich finde es nicht unmoralisch, reich zu sein. Ich finde es unmoralisch, unmoralisch reich zu sein." Burkhalter zufolge belastet der Fall Hoeneß aber das beiderseitige Verhältnis nicht.

Hoeneß sagte in einem am Mittwoch in Auszügen veröffentlichten Interview der Wochenzeitung "Die Zeit": "Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." Hoeneß hatte über Jahre an der Börse spekuliert, aber er hält sich "nicht für krank. (...) Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran." Zur Kritik Merkels sagte er: "Ich würde mir wünschen, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekäme, der Bundeskanzlerin in einem persönlichen Gespräch zu erklären, wie es so weit kommen konnte, der ganze Mist."

DGB-Chef Michael Sommer sagte auf der zentralen Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum Tag der Arbeit in München, es könne nicht sein, "dass unser Gemeinwesen fast ausschließlich von den Lohnsteuerzahlern und Konsumenten finanziert wird, während sich die Reichen und Schönen einen schlanken Fuß machen". Für viele sei Steuerflucht kein Verbrechen, sondern ein "Reichensport".

Interview-Auszüge