Hamburg (SID) - Das Bosman-Urteil vom 15. Dezember 1995 hat im Fußball nach Einschätzung des deutschen Idols Günter Netzer zu "einer großen Portion Unvernunft" und einem "Werteverfall" geführt. "Das Geld ist in die Taschen der Spieler gewandert. Das hat die Moral und Sitten verändert. Die Macht ist in die falschen Hände geraten, bei den Spielern und Beratern gelandet. Das ist keine gute Entwicklung", kommentierte Netzer bei der Hamburger Soirée im Gespräch mit dem SID die Folgen der Abschaffung von Ablösesummen für vertragsfreie Spieler und meinte weiter: "Es ist eine große Portion Unvernunft eingezogen, und das ist begründet in diesem unsäglichen Bosman-Urteil."

Durch die umwälzenden Veränderung nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes lebten Netzers Ansicht zufolge die heutigen Spieler "in einer goldenen Generation. Die Spieler verdienen soviel, wie sie nicht verdienen. Das betrifft nicht die großen Spieler. Aber die Vereine sind seitdem gezwungen, mittelmäßige Spieler so hoch zu bezahlen, wie es nicht mehr leisten können. Das ist ein Werteverfall".

Seinem einstigen Nationalmannschafts-Kollegen und Manager-Rivalen Uli Hoeneß will der 68-Jährige trotz der Steuer-Affäre von Bayern Münchens Präsident weiter beistehen. "Ich gehöre nicht zu den besten Freunden von Uli Hoeneß, aber ich benehme mich in dieser Phase so. Er weiß, dass ich, wenn es irgendetwas geben würde, wodurch ich helfen könnte, zur Verfügung stehen würde."

Hoeneß habe "eine Verfehlung begangen" und müsse "dafür geradestehen", aber der Bayern-Boss sei deswegen "kein schlechter Mensch, das kann ich bestätigen. Seine Verdienste um den FC Bayern sind eine Sache, aber er war auf dem sozialen Sektor tätig wie kein anderer und bemüht, Menschen zu helfen, die nicht so privilegiert sind. Das sind Verdienste seines Lebens".

27 Jahre nach seinem Abschied vom Bundesligisten Hamburger SV als Manager erneuerte Netzer außerdem kurz vor Saisonende die Kritik an den Spielern seines ehemaligen Klubs. "Die Mannschaft hat nicht genug abgeliefert und es nicht geschafft, Vertrauen beim Publikum zu erarbeiten", sagte der frühere Welt- und Europameister.

Angesichts der Bedeutung des Traditionsklub müsse es immer das klare Ziel sein, sich für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren: "Nur das kann der Anspruch sein. Man muss jetzt ganz genau hinschauen und sich von den Spielern trennen, die da nicht mitziehen."