München (dpa) - Juristisches Gezerre vor der mit Spannung erwarteten Anklageverlesung: Mit einer Reihe von Anträgen und Antragsankündigungen ist in München der Prozess um die Verbrechen der Neonazi-Terrorgruppe NSU fortgesetzt worden.

Sowohl Verteidiger als auch Nebenklage-Vertreter stellten mehrere Anträge. Der Anwalt von Angehörigen des ermordeten Halit Yozgat, Thomas Bliwier, wollte erreichen, dass alle anderen Anträge zurückgestellt werden, um endlich die Anklage zu verlesen. Es gebe "keine triftigen Gründe, die ein Abweichen von der gesetzlich vorgesehenen Reihenfolge des Verhandlungsgangs rechtfertigen".

Wolfgang Heer, einer der Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, kündigte einen Antrag an, die Hauptverhandlung auszusetzen und in einem anderen Saal neu zu beginnen. "Es geht darum, dass aus unserer Sicht hier in diesem Sitzungssaal nicht weiter verhandelt werden kann."

Heer beantragte, dass er seinen angekündigten Antrag vorrangig stellen dürfe. Auch die Verteidiger von Ralf Wohlleben kündigten weitere Anträge an. Auf die Frage, ob die Anklage am Dienstag noch verlesen wird, sagte Gerichtspräsident Karl Huber vor dem Gerichtsgebäude: "Ich bin kein Prophet."

Im Saal kam es zwischendurch zu heftigen Wortgefechten zwischen den Anwälten. Wohllebens Anwalt Olaf Klemke bezeichnete den von Nebenklägern geäußerten Vorwurf, die Verteidigung wolle die Verlesung der Anklageschrift verhindern, als "Schwachsinn".

Der Strafprozess um die zum großen Teil rassistisch motivierten Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) gilt schon heute als einer der bedeutendsten in der Geschichte der Bundesrepublik.

Das Verfahren war am Dienstag nach einwöchiger Unterbrechung fortgesetzt worden. Gleich am Ende des ersten Verhandlungstages am Montag vor einer Woche hatte Richter Manfred Götzl wegen Befangenheitsanträgen gegen ihn und zwei andere Richter das Verfahren vertagt. Das OLG hat diese Anträge inzwischen abgelehnt.

Die Befangenheitsanträge der Verteidiger von Zschäpe und Wohlleben gegen Richter Götzl sind nach Ansicht des Opferanwalts Jens Rabe "ein völlig gängiges Vorgehen". Rabe sagte am Dienstag in München: "Wir können nur davor warnen, solche Anträge von Anfang an zu skandalisieren. Das wäre ein Kaputtreden des Prozesses."

Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe ist als Mittäterin bei sämtlichen Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) angeklagt. Dazu zählen die Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern und einer Polizistin sowie zwei Sprengstoffanschläge mit vielen Verletzten.

Zschäpe trat am zweiten Prozesstag im grauen Hosenanzug auf und drehte sich sofort von den Fotografen weg. Mit ihr müssen sich Wohlleben und drei weitere Männer als mutmaßliche Helfer der Gruppe verantworten. Carsten S. und Holger G, die vor dem Prozess beide umfangreich ausgesagt hatten, versteckten ihre Gesichter vor den Fotografen. Wohlleben und André E. hingegen schauten ohne Scheu in die Kameras.

Mehrere Angehörige und Opfer nahmen auch am Dienstag am Prozess teil. Inzwischen ist die Zahl der Nebenkläger auf 86 gestiegen, die von 62 Anwälten vertreten werden. Sie erwarten vom NSU-Prozess nicht nur einen Nachweis der Schuld der Angeklagten, sondern auch Aufklärung darüber, welche weiteren Unterstützer es gab und welche Rolle V-Leute, verdeckte Ermittler und andere Mitarbeiter der Nachrichtendienste spielten.

Ein Nebenklage-Vertreter hatte bereits Ende vergangener Woche schriftlich beantragt, das Kreuz im Gerichtssaal abzuhängen. Das Kreuz verletze seinen Mandanten in seinem Recht auf Religionsfreiheit, argumentiert Rechtsanwalt Adnan Menderes Erdal.

Etwa 380 Polizisten waren am Dienstag im Einsatz, um einen störungsfreien Prozesstag zu garantieren, beim Auftakt in der vergangenen Woche waren es rund 500. Zwischenfälle gab es am Morgen nicht - weder rechte noch linke Gruppen hatten für den zweiten Prozesstag Aktionen angekündigt. Vor dem Gericht war nur eine Handvoll Demonstranten versammelt.

Pressemitteilung zur Anklageerhebung