Berlin (dpa) - Ein Jahr nach dem Beschluss der Organspende-Reform will die Bundesregierung gegen die immer geringere Bereitschaft zur Spende angehen. Als Reaktion auf den Skandal um Manipulationen bei der Organvergabe werden auch Forderungen nach weitergehenden Reformen laut.

Mit Spannung werden in den nächsten Wochen Ergebnisse erwartet, nachdem Kommissionen der Bundesärztekammer sämtliche Leber-Transplantationszentren überprüft haben. Von den 12 000 Menschen, die in Deutschland auf eine Spende warten, starben zuletzt jeden Tag drei.

Heute soll eine neue Kampagne für mehr Spenden gestartet werden. Im Bundesgesundheitsministerium von Daniel Bahr (FDP) werden dafür der Schauspieler Klaus J. Behrendt ("Tatort"), der Olympiasieger im Gewichtheben, Matthias Steiner, und die Olympiasiegerin im Biathlon, Kati Wilhelm, erwartet.

Der Transplantationsskandal hatte die Spendenbereitschaft auf ein Rekordtief einbrechen lassen. Im ersten Quartal 2013 ging die Zahl der Organspender um 18 Prozent auf 230 zurück. 2012 hatte es schon einen Rückgang um 12,8 Prozent gegeben. Nur noch 1046 Bürger waren bereit, Organe nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen. Pro Spender werden im Schnitt 3,4 Organe entnommen.

Nach 15 Jahren Debatte hatte der Bundestag am 25. Mai 2012 beschlossen, dass alle Bundesbürger ab 16 Jahren künftig offensiv nach ihrer Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod gefragt werden. Die Krankenkassen verschicken deshalb massenhaft Informationen und Spendeausweise. An diesem Samstag findet der "Tag der Organspende" statt, der Menschen zum Nachdenken über das Thema anregen soll.

Im Juli 2012 wurde bekannt, dass ein Göttinger Universitätsarzt Krankendaten gefälscht haben soll, damit die eigenen Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt werden. Der Arzt sitzt in Untersuchungshaft. Es wird erwartet, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig bald Anklage erhebt. Der Transplantationsmediziner, der auch am Uniklinikum Regensburg Patientendaten manipuliert haben soll, steht im Verdacht des versuchten Totschlags.

Zuletzt machte Schlagzeilen, dass das Münchner Klinikum Rechts der Isar die Befugnis zur Leberverpflanzung verlieren soll. Dort waren drei Fälle von Manipulation bekanntgeworden.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery kündigte auf dem derzeit laufenden Ärztetag in Hannover an, dass die Ergebnisse der Überprüfungen der Transplantationszentren bald vorliegen. Kommissionen der Bundesärztekammer hatten die 24 Leberprogramme in Deutschland unter die Lupe genommen. Diese gelten als am stärksten anfällig für mögliche Manipulationen. Derzeit werden die Erkenntnisse laut Kammer noch ausgewertet. Als nächstes werden die Programme für Herz und Lunge überprüft. Als Reaktion auf die Skandale sollen die Zentren alle drei Jahre unter die Lupe genommen werden.

Bahr rief die Menschen auf dem Ärztetag auf, ihre Spendebereitschaft zu erklären. "Die sich gegen die Organspende aussprechen, bestrafen nicht den Arzt, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt - die bestrafen die 12 000 Menschen, die auf der Warteliste auf ein Spenderorgan warten."

Der Vorstandschef der größten gesetzlichen Krankenkasse Barmer GEK, Christoph Straub, forderte eine flächendeckende Bündelung im Bereich der Kliniken, die Organe transplantieren. Den Plan Bayerns, zwei von insgesamt fünf Lebertransplantationszentren zu schließen, begrüßte er. "Diesem Beispiel sollten auch andere Bundesländer folgen", sagte der frühere Vorstand der Rhön-Klinikum AG. "Wir brauchen eine koordinierte Bündelung und Spezialisierung der Transplantationszentren für ganz Deutschland."

Zahl der Organspenden 2012

DSO zu Organspende-Reform

Patientenverfügung und Organspende