Frankfurt/Rom (dpa) - Wer die neue Büchner-Preis-Trägerin erlebt, bekommt sofort ein Gefühl für die Texte der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff.

Eine unerschöpflicher Beobachtungsenergie und einen erfrischend unfeierlichen Spielwitz zeichnen ihre Romane aus, begründet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die Auszeichnung für die 59-Jährige. "Ich liebe es, unsere Grammatik voll auszuschöpfen, auch mal fünf Nebensätze zu benutzen", erzählt die gebürtige Stuttgarterin am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa - nachdem bekanntwurde, dass sie die mit 50 000 Euro dotierte, wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands in diesem Jahr erhalten wird. "Und ich liebe es, feurig mit Freunden zu diskutieren. Das zeigt sich auch in meinen Texten."

Den Weg zu richtig guten Texten und zu einer der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen haben ihr persönliche Erfahrungen und eine schwere Krankheit geebnet, berichtet die studierte Religionswissenschaftlerin, die sich bei der Verkündung des Preises an der Deutschen Akademie in Rom aufhält. Ein "Herzaufschluss" sei das gewesen, eine Initialzündung. "In dem Moment, wenn ihnen die Bedrohung an die Kehle fährt, finden sie die Welt von einer so bezaubernd Schönheit", sagte sie zu der Zeit in einem Interview. Das habe ihr Schreiben stark beeinflusst.

Bereits als 16-Jährige schreibt sie einen Roman mit über 100 Seiten. "Aber das taugte nichts - schlicht und ergreifend", berichtet sie mit deutlicher schwäbischer Färbung in der Stimme. Ihre Anfänge seien immer sehr blumig gewesen, es fehlte der Realismus und das Futter. "Das war immer so metaphorisch." Lewitscharoff arbeitet daher zuerst als Buchhalterin, erst nach ihrer schweren Erkrankung im Alter von Mitte 30 änderte sich ihr Schreibstil.

1994 veröffentlicht sie ihr erstes Buch "36 Gerechte". Für ihren Roman "Pong" erhält sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Weitere Titel sind "Der höfliche Harald" (1999), "Montgomery" (2003), "Consummatus" (2006), "Apostoloff" (2009) und "Blumenberg" (2011), mit dem sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Auch der Preis der Leipziger Buchmesse und der Berliner Literaturpreis werden ihr zuerkannt.

Nun also auch der Büchner-Preis, den vor ihr schon so große Autoren wie Erich Kästner, Günter Grass und Heinrich Böll bekamen. "Mich locken immer wieder neue Themen und ich suche mir immer wieder neue Figuren", schildert Lewitscharoff ihre Arbeit. Ein immer wiederkehrendes Oberthema ihres Schaffens habe sie zwar nicht. Im Stil gebe es aber eine Grundkonstante: "Ich lehne alles Primitive im Text ab." Daher komme auch der Anhang zu langen Nebensatzkonstruktionen.

Scharf abgrenzen will sich die 59-Jährige jedoch nicht von anderen Textgattungen oder Stilen: Es soll verschiedene Arten von Literatur geben, damit die Leser Abwechslung haben. "Ich genieße das auch", berichtete sie auf der Frankfurter Buchmesse. Allerdings finde sie manche auch "ein bissele wie verschwitze Hausschuhe, wenn sie schreiben".

Aktuell schreibt Lewitscharoff an der Fortsetzung des Romans "Pong". Im Herbst soll das Buch auf den Markt kommen. Bis sie nächste Woche an der Universität Kassel Vorlesungen und Seminare hält, will die Autorin noch die Zeit in Rom genießen. "Hier ist es wunderbar. Ich wusste bereits seit Sonntag von der Preisverleihung. Wir haben Freudentänze aufgeführt." Der Preis wird am 26. Oktober 2013 in Darmstadt in Hessen verliehen.

Infos zum Büchner-Preis

Akademie für Sprache und Dichtung