Passau (dpa) - Beim Überflug mit dem Hubschrauber nimmt Angela Merkel das ganze Ausmaß des Hochwassers in Bayern wahr. "Es ist ersichtlich, dass dies kein Jahrhundertereignis ist, sondern ein exorbitantes", sagt die sichtlich erschütterte Kanzlerin nach der Landung in Passau.

Die Situation sei noch dramatischer als beim Jahrhunderthochwasser 2002. Die Dreiflüssestadt kämpft am Dienstag noch immer gegen das Rekordhochwasser. Zwar fließt das Wasser langsam zurück; der Pegelstand sank seit dem Morgen um mehr als einen Meter, die Schäden sind aber nicht zu übersehen: Geschäfte, Hotels, Restaurants und Wohnhäuser stehen metertief im Wasser, in der Stadt fehlt es an Strom und Trinkwasser.

"Es ist eine schwere Stunde für die Menschen", sagt die CDU-Chefin. Wichtig sei nun eine rasche, unbürokratischen Soforthilfe. 100 Millionen Euro stelle der Bund für die gesamten Hochwassergebiete in Deutschland zur Verfügung. Alleine Bayern will an diesem Mittwoch ein Hilfspaket von 150 Millionen Euro schnüren. "Daran wird sich der Bund zur Hälfte beteiligen", sagt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der die Kanzlerin ausgestattet mit einer Signaljacke des Roten Kreuzes begleitet. Merkel fügte hinzu: "Wenn Bayern heute kommt und mehr Geld braucht, lassen wir mit uns reden."

Auf der ersten Etappe ihre Hochwasserreise steht für Merkel aber nicht das Finanzielle im Vordergrund. Sie geht durch die am Montag noch großflächig überspülte Passauer Innenstadt, bedankt sich bei den Einsatzkräften und spricht Betroffenen Mut zu. Immer wieder nimmt sie sich Zeit für kurze Gespräche mit den Menschen, die erschöpft mit Gummistiefeln versuchen, ihre Geschäfte in der Innenstadt zu säubern.

"Ihr Oberbürgermeister hat sie schwer gelobt", sagt sie zu Männern und Frauen des Technischen Hilfswerkes und ruft den anderen Helfern auf ihrem Weg ein lautes "Danke schön, vielen Dank" zu. "Es ist ersichtlich, dass es eine gute Zusammenarbeit aller Kräfte gibt."

Wenige Minuten vor der Landung der Kanzlerin hat ein Dutzend Bundeswehrsoldaten extra für den hohen Besuch das Inn-Ufer vom Schlamm befreit. Das war auch nötig, weil Merkel, anders als ihre Begleiter, nicht in Gummistiefeln anreist, sondern in leichten Wanderschuhen.

Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) informiert Merkel am Inn-Ufer über den aktuellen Stand: "Das Wasser geht leicht zurück, aber es gibt noch keine Entwarnung." Erst ab einem Pegelstand von 11,50 Meter könne mit den Reparaturarbeiten begonnen werden. "Bis das Wasser aber wieder aus den Leitungen kommt, werden noch einige Tage vergehen", erläutert Dupper. Bis dahin müssen sich die Passauer an den 14 mobilen Tanks mit Trinkwasser versorgen. Die Altstadt wird wohl erst am Wochenende zu Fuß erreichbar sein.

Auch die moralische Unterstützung der Kanzlerin kommt bei den Betroffenen in Passau gut an. So zaubert das kurze Gespräch mit Merkel ein Lächeln ins Gesicht der Besitzerin eines kleinen Teeladens. Anschließend packt sie ihren Wischer und geht mit neuer Kraft an die Arbeit. Nach etwa einer Stunde reist die Regierungschefin weiter nach Ostdeutschland. In Pirna in Sachsen und in Greiz in Thüringen will sie sich ebenfalls über die Hochwasserlage und die Rettungsarbeiten informieren.