Paris (dpa) - Die Nachricht erwischte die Mercedes-Mannschaft auf dem Weg nach Montréal. Das Bangen um eine mögliche Strafe wegen des umstrittenen Reifentests kann sich für den deutschen Formel-1-Rennstall allerdings bis zum Heimrennen auf dem Nürburgring in einem Monat hinziehen.

Die dreitägigen Sonderfahrten auf Bitten von Pirelli werden für Mercedes und den Reifen-Exklusivausrüster aus Italien zum Gerichtsfall. Der Präsident des Internationalen Automobilverbandes FIA, Jean Todt, leitete die Akte an das zuständige Internationale Tribunal weiter.

"Weil die Untersuchung zu dem Ergebnis geführt hat, dass bei den Rahmenbedingungen dieser Tests ein Verstoß gegen die FIA-Regeln vorliegen könnte", hieß es in der Mitteilung vom späten Mittwochabend. Der Knackpunkt: Mercedes testete am 15., 16. und 17. Mai auf dem Circuit de Catalunya mit seinem aktuellen Formel-1-Auto.

Im Paragraf 22 des sportlichen Reglements sind Testfahrten während der Saison mit Autos desselben Jahres aber eigentlich strikt verboten. Ferrari absolvierte seine Runden auf dem Grand-Prix-Kurs bei Barcelona am 23. und 24. April mit einem 2011er Modell - ebenfalls auf Bitten von Pirelli. Diese Akte wurde von Todt, einem ehemaligen langjährigen und hochrangigen Ferrari-Angestellten, im Gegensatz zum "Mercedes-Testgate" wieder geschlossen.

"Wir respektieren die Hoheit der Sportbehörde in diesem Prozess. Es wird alles sehr transparent und professionell ablaufen. Da habe ich großes Vertrauen", hatte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff in der vergangenen Woche versichert. Unmittelbar nach der Entscheidung der FIA, den Fall an das Tribunal zu übergeben, war vom deutschen Werksteam zunächst keine Stellungnahme zu bekommen. Die Verantwortlichen befanden sich auf dem Weg zum Rennen in Kanada an diesem Sonntag.

Dort sollten eigentlich die Reifen, die Mercedes ohne Kenntnis auch getestet hatte, im siebten WM-Lauf zum Einsatz kommen. Nach Bekanntwerden der Tests und eines Protests von Red Bull und Ferrari vor dem Großen Preis von Monaco vor anderthalb Wochen gegen die insgesamt 1000 Zusatzkilometer von Nico Rosberg und Lewis Hamilton in ihrem Mercedes F1 W04 hatte sich Pirelli entschieden, die überarbeiteten Pneus erst beim achten WM-Rennen in Silverstone einzusetzen.

"Das ist ein bisschen Kasperletheater, ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist", mokierte sich Dreifach-Weltmeister Sebastian Vettel in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung". Der 25-Jährige aus Heppenheim kommt mit den sensiblen aktuellen Gummiwalzen nur schwer zurecht. Er sprach abermals von einem Sicherheitsrisiko, weil sich die aktuellen Reifen praktisch ohne Fremdeinwirkung auflösen würden.

"Dass es jetzt gerade auf einer schnellen Strecke wie Kanada keine neuen Reifen gibt, ist für mich nicht erklärbar", sagte Vettel, der als WM-Führender mit 21 Punkten Vorsprung auf Lotus-Star Kimi Räikkönen nach Montréal reiste. Dritter ist Ferrari-Pilot und Vettel-Dauerrivale Fernando Alonso, der Spanier hat 29 Punkte Rückstand auf Vettel.

Pirelli hatte die Entscheidung getroffen, um die sportliche Gleichheit zu gewährleisten, nachdem bei dem Mercedes-Test neben den Reifen für 2014 auch knapp 100 Kilometer mit den Gummis gefahren wurden, die in Kanada zum Renneinsatz kommen sollten. Ungeachtet dessen betonte Vettel mit Blick auf die Extrarunden, die Pirelli zwar mit der FIA vereinbart hat, zu denen aber alle Teams eingeladen werden müssen: "Ich sehe diese Tests kritisch. Jeder Testkilometer bringt Vorteile."

Ob auch ein Verstoß gegen das Regelwerk vorliegt, muss nun das Internationale Tribunal (IT) entscheiden. Dem maximal zwölfköpfigen Gremium gehören auch zwei Deutsche an: Die ehemalige Pilotin und aktuelle Motorsport-Funktionärin Waltraud Wünsch sowie Dirk-Reiner Mertens, der auch als Richter am Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne arbeitet. 15 Tage nach Erhalt der Anklage hat das Gremium Zeit, das weitere Vorgehen festzulegen. Kommt es zu einer Anhörung, vergehen mindestens weitere 15 Tage. Der IT-Präsident kann das Prozedere aber beschleunigen. Nicht auszuschließen ist daher, dass ein mögliches Urteil vor oder auch unmittelbar nach dem Deutschland-Rennen am 7. Juli fällt.

Über die Höhe und die Art möglicher Sanktionen besteht unterdessen völlige Unklarheit. Einen Strafenkatalog gibt es für die Formel 1 nicht. 2007 war beispielsweise McLaren-Mercedes wegen des Spionageskandals zu der Rekordstrafe von 100 Millionen US-Dollar verurteilt worden.

Im vorliegenden Fall ist von gar nichts über Geldstrafe, Punkteabzug bis Verbannung von Rennen theoretisch alles möglich. Zumindest für Mercedes. Für Pirelli? Wohl letztlich nur eine Geldstrafe, handelt es sich schließlich nicht um ein Team, sondern um den exklusiven Reifenausrüster. Pikanterweise stecken die Italiener in den Verhandlungen für einen neuen Vertrag.

Sporting Regulations, englisch