Istanbul/Berlin (dpa) - Nach dem exzessiven Tränengaseinsatz der Polizei gegen zehntausende Demonstranten in Istanbul stehen die Zeichen auf Konfrontation.

Ungeachtet scharfer Warnungen der Regierung versammelten sich am Mittwoch erneut mehr als zehntausend Protestierer auf dem zentralen Taksim-Platz, wie Augenzeugen berichteten. International wachsen Kritik und Sorge.

Die Vereinten Nationen und die US-Regierung mahnten den Schutz der Grundrechte und einen Dialog an. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert "konstruktive Gespräche durch Besonnenheit aller Seiten".

Die türkische Polizei hatte in der Nacht mit Tränengas und Wasserwerfern zehntausende Demonstranten vom Taksim-Platz vertrieben. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan traf am Mittwoch Künstler, Wissenschaftler und Personen des öffentlichen Lebens zu einem als informell bezeichneten Gespräch über die Protestbewegung. Allerdings fehlten wichtige Organisatoren der Proteste, wie die Taksim-Plattform, die vorher mit Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc gesprochen hatten.

Der Großeinsatz der Polizei gegen die Demonstranten auf dem Taksim-Platz hatte die Lage nach zehn Tagen wieder eskalieren lassen. Der Gouverneur von Istanbul, Hüseyin Avni Mutlu, beschuldigte die Demonstranten, die Polizei angegriffen zu haben. Der Polizeieinsatz auf dem Platz werde so lange fortgesetzt wie nötig, sagte er. Der Gouverneur forderte die Bürger Istanbuls auf, sich vom Taksim-Platz fernzuhalten, bis Sicherheit hergestellt sei. Dennoch harrten Gruppen der Protestierer am Mittwoch dort weiter in einem Protestcamp aus, wie Augenzeugen sagten.

Der türkische Wirtschaftsminister Zafer Caglayan bezeichnete die Proteste gegen die Regierung als einen Versuch aus dem Ausland, den wirtschaftlichen Fortschritt der Türkei zu untergraben. Einige seien unzufrieden mit den Entwicklungen, die das Land in den vergangenen zehn Jahren gemacht habe, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu den Minister. "Dies ist der Versuch, eine ausländische Vorherrschaft über die Türkei zu errichten, aber wir sind keine Narren. Wir haben ihnen den Wind aus den Segeln genommen."

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton warnte die Europäische Union angesichts der Unruhen in Istanbul davor, auf Distanz zur Türkei zu gehen. "Dies ist nicht der Moment, sich zu lösen, sondern sich noch stärker zu engagieren", sagte sie im Europaparlament in Straßburg.

Die türkische Rundfunkbehörde RTÜK ging gegen kritische Sender vor. Der Sender Halk TV, der anders als Nachrichtensender der türkischen Medienkonzerne durchgehend über die Demonstrationen berichtet, sei wie drei weitere Stationen zu einer Geldstrafe verurteilt worden, berichteten Medien. Die Rundfunkbehörde wirft den TV-Stationen vor, gegen Sendeprinzipien verstoßen zu haben und mit ihren Programmen die physische, geistige und moralische Entwicklung junger Menschen zu gefährden.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) rief zur Zurückhaltung auf. "Die türkische Regierung sendet mit ihrer bisherigen Reaktion auf die Proteste das falsche Signal, ins eigene Land und auch nach Europa", sagte er in Berlin. "Wir erwarten, dass Ministerpräsident Erdogan im Geiste europäischer Werte deeskaliert und einen konstruktiven Austausch und friedlichen Dialog einleitet."

Bundespräsident Joachim Gauck äußerte sich in einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül besorgt über die "exzessive Gewalt". Der Bundestag verurteilte fraktionsübergreifend die Gewalt.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief alle Beteiligten zu Ruhe und einem friedlichen Dialog auf. "Proteste sollten friedlich sein, und das Recht auf Versammlung und freie Meinungsäußerung sollte respektiert werden, denn das sind fundamentale Prinzipien eines demokratischen Staates", sagte sein Sprecher in New York.