Teheran (dpa) - Bei der Präsidentenwahl im Iran zeichnet sich schon vor Veröffentlichung des Endergebnisses eine faustdicke Überraschung ab.

Nach Auszählung von rund 60 Prozent der Stimmen liegt der Kandidat des Reformlagers, der moderate Kleriker Hassan Ruhani, am Samstag mit rund 52 Prozent klar in Führung. Allerdings gibt es auch 18 Stunden nach Schließung der Wahllokale noch kein Endergebnis. Im Kurzmitteilungsdienst Twitter wechselten sich ungläubiges Erstaunen wegen des Erfolgs des Reformkandidaten mit Häme ab. Viele erinnerten an die letzte Präsidentenwahl 2009, als Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad trotz aller Manipulationsvorwürfe bestätigt wurde.

Rund 50 Millionen Iraner waren am Freitag aufgerufen, inmitten einer schweren Wirtschaftskrise und des Atomstreits mit dem Westen einen neuen Präsidenten zu wählen. Der ehemalige iranische Atom-Chefunterhändler Ruhani würde im Falle eines Sieges nach acht Jahren wieder auf die große politische Bühne zurückkehren. Er war 2005 im Streit mit Ahmadinedschad zurückgetreten. Unter Ruhanis Führung gab es zwar Differenzen mit der internationalen Staatengemeinschaft, aber keine lähmenden Sanktionen wie heute.

Der 64-Jährige kündigte an, er werde sich als Präsident für ein Ende der internationalen Isolierung seines Landes einsetzen. Hintergrund ist vor allem der seit Jahren andauernde Streit um das umstrittene iranische Atomprogramm. Der Westen verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel der zivilen Forschung an Atomwaffen zu arbeiten. Teheran bestreitet das. Israel betrachtet den Iran als größte Bedrohung seiner Existenz. Israelische Politiker drohten deshalb indirekt mit Angriffen auf Atomanlagen im Iran.

Auch sonst will Ruhani im Falle eines Sieges sowohl innen- als auch außenpolitisch für frischen Wind sorgen. Sein Wahlslogan lautete: Besonnenheit und Hoffnung. Als Farbe für seine Kampagne wählte er Lila. Die oppositionelle Reformbewegung hatte sich vor vier Jahren für die Farbe Grün entschieden und kam damit bei Jugendlichen gut an.

Ruhani gilt unter den sechs konservativ ausgerichteten Kandidaten, die angetreten waren, als der einzige Moderate. Boykottaufrufe von Oppositionellen wurden weitgehend ignoriert. Die Menschen strömten in Scharen zu den Wahllokalen. Die Öffnungszeiten wurden um mehrere Stunden bis Mitternacht (Ortszeit) verlängert.

Das Innenministerium kündigte am frühen Nachmittag an, dass erst am Samstagabend gegen 22.00 Uhr Ortszeit (19.30 MESZ) mit einem Endergebnis gerechnet werde. Beobachter schlossen weitere Verzögerungen nicht aus. Zehntausende jugendliche Anhänger warten vor einem Wahllokal in Teheran auf die amtliche Bestätigung von Ruhanis Wahlsieg. Danach ist ein großes Straßenfest geplant.

Zur langwierigen Stimmenauszählung hieß es, die Anhänger aller Kandidaten wollten das Prozedere genau überprüfen. Auch solle ein Debakel wie nach der Präsidentenwahl 2009, als Ahmadinedschad im Amt bestätigt wurde, verhindert werden. Damals war es nach Manipulationsvorwürfen zu massiven Protesten gekommen, die blutig niedergeschlagen wurden.

An zweiter Stelle bei der Auszählung liegt laut Innenministerium Teherans Bürgermeister Mohammed Bagher Ghalibaf, vor dem Hardliner Said Dschalili. Sollte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhalten, muss am kommenden Freitag eine Stichwahl die Entscheidung bringen. Ahmadinedschad durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.

Auch mit einem neuen Präsidenten wird es keinen radikalen Wechsel in der iranischen Außen-, Sicherheits- und Atompolitik geben. Bei allen Entscheidungen in diesen Bereichen hat der oberste Führer, Ajatollah Ali Chamenei, das letzte Wort. Der Präsident kann aber innerhalb eines ideologisch vorgegebenen Spielraumes Akzente setzen.

Viele Twitter-Nutzer äußerten sich freudig erstaunt darüber, dass der Reformkandidat Ruhani gewonnen haben könnte. "Wie vor vier Jahren, als wir riefen: "Wo ist meine Stimme?", stehen wir auch jetzt ungläubig auf den Straßen. Aber diesmal ist es ganz anders", schrieb einer.

Times of Israel