Teheran (dpa) - Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise und des Atomstreits mit dem Westen haben die Iraner einen neuen Präsidenten gewählt. Nach Auszählung von rund 50 Prozent der Stimmen lag der Kandidat des Reformlagers, Hassan Ruhani, am Samstag mit 51 bis 52 Prozent klar in Führung.

Der ehemalige iranische Atom-Chefunterhändler würde im Falle eines Sieges nach acht Jahren wieder auf die große politische Bühne zurückkehren.

Allerdings lag auch 14 Stunden nach Schließung der Wahllokale noch kein Endergebnis vor. Beobachter berichteten, die Anhänger der sechs Kandidaten, die zur Wahl angetreten waren, wollten die ausgezählten Stimmen genau überprüfen. Auch solle ein Debakel wie nach der Präsidentenwahl 2009, als Mahmud Ahmadinedschad im Amt bestätigt wurde, verhindert werden. Damals war es nach Manipulationsvorwürfen zu massiven Protesten gekommen, die blutig niedergeschlagen wurden.

Ruhani gilt unter den sechs konservativ ausgerichteten Kandidaten als der einzige Moderate. Als Präsident will der 64-Jährige ein Ende der internationalen Isolierung seines Landes erreichen. Als Atom-Chefunterhändler führte er von 2003 bis 2005 die Gespräche mit westlichen Staaten. Später trat er wegen Meinungsverschiedenheiten mit Ahmadinedschad zurück.

Unter der Ägide Ruhanis hatte der islamische Staat wegen seines umstrittenen Atomprogramms zwar Differenzen mit dem Westen. Es gab aber weder eine Krise noch lähmende Sanktionen wie heute. Der Westen verdächtigt den Iran, unter dem Deckmantel der zivilen Forschung an Atomwaffen zu arbeiten. Teheran bestreitet das. Israel betrachtet den Iran als größte Bedrohung seiner Existenz. Israelische Politiker drohten deshalb indirekt mit Angriffen auf Atomanlagen im Iran.

Der gemäßigte Kleriker Ruhani will im Falle eines Sieges sowohl innen- als auch außenpolitisch für frischen Wind sorgen. Ruhanis Wahlslogan lautete: Besonnenheit und Hoffnung. Als Farbe für seine Kampagne wählte er Lila. Die Opposition hatte sich vor vier Jahren für die Farbe Grün entschieden und kam damit besonders bei Jugendlichen gut an.

An zweiter Stelle bei der Auszählung lag am Vormittag laut Innenministerium Teherans Bürgermeister Mohammed Bagher Ghalibaf. Er rangierte demnach mit einem Anteil von 18 Prozent vor dem Hardliner Said Dschalili. Sollte keiner der Bewerber die absolute Mehrheit erhalten, muss am kommenden Freitag eine Stichwahl die Entscheidung bringen. Ahmadinedschad durfte nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten.

Nach Einschätzung eines israelischen Experten würde der oberste Führer des Irans, Ajatollah Ali Chamenei, einen Sieg Ruhanis verhindern. Für Chamenei wäre ein Erfolg Ruhanis "undenkbar" und ein "tödlicher Schlag", zitierte die Zeitung "Times of Israel" den Nahost-Experten Ehud Jaari. Der oberste Führer werde die Wahlergebnisse deshalb notfalls fälschen lassen, fügte Jaari den Angaben zufolge im israelischen Fernsehen hinzu.

Am Freitag waren rund 50 Millionen Iraner aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Wegen des unerwartet großen Andrangs blieben die Wahllokale mehrere Stunden länger bis Mitternacht (Ortszeit) geöffnet.

Auch mit einem neuen Präsidenten wird es keinen radikalen Wechsel in der iranischen Außen-, Sicherheits- und Atompolitik geben. Bei allen Entscheidungen in diesen Bereichen hat der oberste Führer, Ajatollah Ali Chamenei, das letzte Wort. Der Präsident kann aber durchaus innerhalb eines ideologisch vorgegebenen Spielraumes manövrieren und Akzente setzen.

Times of Israel