Berlin (dpa) - Deutliche Spannungen zwischen Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Parteichef Sigmar Gabriel belasten den Start der SPD in die heiße Wahlkampfphase. Vor einem Parteikonvent in Berlin unterstellte Steinbrück Gabriel mangelnde Loyalität.

Nur eine Bündelung aller Kräfte ermögliche es der SPD, die Bundesregierung abzulösen, sagte er dem "Spiegel". "Ich erwarte deshalb, dass sich alle - auch der Parteivorsitzende - in den nächsten 100 Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzenkandidaten und die Kampagne stellen." Gabriel versicherte den 200 Delegierten bei dem Konvent, ihre "politische Ehe" sei intakt.

Hintergrund sind Vorkommnisse bei einer Sitzung der Fraktion am Dienstag, wo Gabriel sich nach Steinbrücks Lesart gegen ihn gestellt habe. Gabriel versuchte bei dem letzten großen Parteitreffen vor der Bundestagswahl am 22. September den Konflikt zu entschärfen. Ihr Verhältnis sei "ziemlich lebendig, meistens fröhlich", sagte Gabriel. "Es gibt zwischen uns keine Streitereien", versicherte er. Gelegentlich gebe es im Wahlkampf Spannungen und Reibungen. "Reibung erzeugt Wärme", sagte Gabriel und betonte an Steinbrücks Adresse: Wenn der Kanzlerkandidat meint, er müsse den Parteivorsitzenden in den Senkel stellen müssen, dann dürfe er das auch ruhig einmal tun.

Höhepunkt des "kleinen Parteitags war der erste öffentliche Wahlkampfauftritt von Steinbrücks Frau Gertrud. Mit einer sehr persönlichen Schilderung der Wahlkampfbelastungen rührte sie ihren Mann fast zu Tränen. "Es wird immer nur geguckt, wo können wir ihn erwischen", sagte die Lehrerin Richtung Medien.

WDR-Moderatorin Bettina Böttinger fragte daraufhin Steinbrück: "Warum tun sie es?" Der 66-Jährige war sichtlich bewegt und konnte nicht antworten. Daraufhin standen die 200 Delegierten auf und dankten ihm mit langem Beifall.

Bei dem Konvent standen inhaltlich unter anderem die Pläne für kostenlose Krippen- und Kitaplätze im Fokus. Die Beitragsfreiheit entlaste Eltern im Schnitt um bis zu 160 Euro pro Monat und 1900 Euro pro Jahr, betont die SPD. Dennoch war die Stimmung bei vielen Delegierten zu Beginn gedrückt, da der öffentlich ausgetragene Disput nicht gerade förderlich für den Wahlkampf sein dürfte.

In der besagten Fraktionssitzung am Dienstag ging es um die Haltung zu Vorschlägen der schwarz-gelben Bundesregierung für die Schaffung einer europäischen Bankenunion. Steinbrück warb für ein Ja, zehn Abgeordnete waren dagegen. Nach Angaben von Teilnehmern warb Gabriel für ein intensives Beschäftigen mit den Einwänden - besonders in der Frage, ob mit deutschen Steuergeld Banken gerettet werden können. Mitglieder der Fraktion berichteten zudem, dass Gabriel mehr Wahlkampfeinsatz gefordert habe.

"Situationen wie am vergangenen Dienstag in der Fraktion dürfen sich nicht wiederholen", sagte Steinbrück nun dem "Spiegel". Der damit erstmals deutlich öffentlich ausgetragene Disput zwischen Kanzlerkandidat und Parteichef dürfte den Wahlkampf der SPD weiter belasten. Außerdem wird Gabriel ein schwieriges Verhältnis zu dem Bundestagsfraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier nachgesagt. Die drei bilden seit zwei Jahren die so genannte SPD-Troika.

Der schleswig-holsteinische SPD-Vorsitzende Ralf Stegner ermahnte Steinbrück und Gabriel zu Geschlossenheit im Wahlkampf. "Unser Gegner heißt Schwarz-Gelb", sagte Stegner der Deutschen Presse-Agentur. "Die Partei erwartet von der gesamten Führung, dass wir jetzt geschlossen und entschlossen den Kampf aufnehmen."

In Umfragen kommt die SPD derzeit nur auf 24 bis 27 Prozent - das würde derzeit nur für die Juniorrolle in der großen Koalition reichen. Steinbrück hat erklärt, dafür nicht zur Verfügung zu stehen. Sein erklärtes Wahlziel ist ein Bündnis von SPD und Grünen.

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