Bastia (dpa) - Für Etappensieger Marcel Kittel war es der "glücklichste Tag" seines Lebens, für Tony Martin ein schwarzer Samstag:

Während der junge Thüringer den Massensprint beim chaotischen Auftakt der 100. Tour de France gewann und sich über das erste Gelbe Trikot eines deutschen Radprofis seit 2008 freute, wurde Martin mit Verdacht auf Schulterbruch ins Krankenhaus gebracht. Für ihn dürfte die Jubiläums-Tour beendet sein. Martin war wie auch der zweifache Toursieger Alberto Contador Opfer eines Massensturzes fünf Kilometer vor dem Ziel.

Der 25-jährige Arnstädter Kittel konnte sich am Ende einer der skurrilsten Etappen der Tourgeschichte als strahlender Doppelsieger feiern lassen, der den Tageserfolg und das erste Gelbe Trikot verbuchte. "Ich kann meine Gefühle gar nicht beschrieben. Da wollte ich immer hin - ich bin überglücklich", sagte der Thüringer nach 213 Kilometern im Ziel des ersten Tagesabschnitts in Bastia.

Der zweifache Zeitfahr-Weltmeister Martin setzte seine Tour-Pechsträhne des vergangenen Jahres dagegen fort, als er mit gebrochener Hand aufgeben musste. Nach einem gelungene Frühjahr hatte sich der Wahlschweizer bei der Jubiläumstour viel vorgenommen und auf das Gelbe Trikot nach dem Teamzeitfahren in Nizza spekuliert. Sollte sich die erste Diagnose eines Schulterbruches bestätigen, wäre das Unterfangen bereits beendet. "Ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus zu ihm - ich kann noch nichts sagen", sagte Martin-Betreuer Rolf Aldag der Nachrichtenagentur dpa.

Kittel profitierte bei seiner Triumphfahrt von der Abwesenheit der beiden Topsprinter Mark Cavendish und André Greipel im Finish. Ex-Weltmeister Cavendish war wie sein Teamkollege Martin in den Massensturz verwickelt gewesen. Der Brite kam aber wie Contador glimpflich davon. Greipel hatte im entscheidenden Moment einen technischen Defekt. "Das war ein komplettes Desaster. Meine Schaltung war hin", erklärte der verzweifelte Greipel, der zusammen mit Ex-Weltmeister Cavendish zu den Topfavoriten auf den Tagessieg gegolten hatte.

"Ich habe es hinter mir krachen gehört, habe dann gesehen, dass Greipel und Cavendish nicht mehr da waren. Da haben wir entschieden, zu fahren und haben alles nach vorne geworfen", beschrieb Kittel den Moment des Massensturzes. Zu diesem Zeitpunkt herrschte großes Chaos im Zielbereich in Bastia. Erst unmittelbar vor dem Eintreffen des Fahrerfeldes konnte er geräumt werden. Der Teambus der australischen Mannschaft Orica-GreenEdge hatte den Überbau der Zielmarkierung mit dem Dach gerammt und konnte lange nicht mehr manövriert werden. Erst als Luft aus den Reifen gelassen worden waren, konnte das riesige Fahrzeug wieder bewegt werden.

Als letzter deutscher Radprofi vor Kittel, der sich das Trikot zum ersten Mal sicherte und dazu auch noch das Grüne für den Punktbesten und das Weiße für den besten Nachwuchsfahrer holte, hatte Stefan Schumacher 2008 das Maillot Jaune getragen. Der geständige Doper steht im Moment in Stuttgart vor Gericht - er soll ungerechtfertigt 150 000 Euro Gehalt kassiert und damit seinen früheren Teamchef Hans-Michael Holczer betrogen haben.

Anders als sonst üblich hatte die Tour nicht mit einem Prolog-Zeitfahren sondern mit einer regulären Etappe begonnen, die den Sprintern auf den Leib geschneidert war. Aber das chaotische Finale machte einem Großteil von ihnen einen Strich durch die Rechnung. Zu den gestürzten Fahrern gehörte auch der Slowake Peter Sagan, der im Vorjahr das Grüne Trikot geholt und sich für die kommenden Tage eigentlich viel Hoffnungen gemacht hatte.

Für den Vorjahreszweiten und hoch gewetteten Christopher Froome begann das Kräftemessen in Frankreich alles andere als wunschgemäß. Der britische Sky-Kapitän stürzte kurz nach dem Start noch in der Neutralisationszone in Porto Vecchio und trug leichte Schürfwunden davon. Froome, dem neben dem nach seiner Dopingsperre zurückgekehrten Contador die größten Chancen auf den historischen Toursieg 2013 zugetraut werden, musste seine Rennmaschine wechseln. Aus dem Massensturz hatte er sich heraushalten können.