Moskau (dpa) - Noch ein Putin-Kritiker als Krimineller hinter Gittern: Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny muss nach einem als Justizskandal kritisierten Prozess für fünf Jahre ins Straflager.

Noch im Gerichtssaal führten Uniformierte den scharfen Gegner von Kremlchef Wladimir Putin am Donnerstag in der Stadt Kirow in Handschellen ab. Der wegen Veruntreuung verurteilte 37-jährige Anwalt kam in ein Untersuchungsgefängnis. Er will den Schuldspruch anfechten.

Menschenrechtler und Vertreter der Bundesregierung sprachen von einem Schauprozess und einem neuen Beispiel für politische Willkürjustiz in Russland. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton zeigte sich "besorgt". Auch die USA und Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierten die Verurteilung.

"Es drängen sich Zweifel auf, ob bei diesem Prozess strafrechtliche Motive im Vordergrund gestanden haben", hieß es in einer Mitteilung des Bundespresseamts im Namen der Kanzlerin. "Fünf Jahre Haft erscheinen selbst vor dem Hintergrund des ihm zur Last gelegten Verbrechens unverhältnismäßig hoch." US-Botschafter Michael McFaul schrieb bei Twitter, sein Land sei "tief enttäuscht".

Nawalny, der als bedeutender Kämpfer gegen die Korruption gilt, verzichtete nach dem Richterspruch auf seine Kandidatur bei der Moskauer Bürgermeisterwahl im September. Das Urteil gilt als Gradmesser für den Umgang mit Andersdenkenden in Russland.

Richter Sergej Blinow sah in Kirow - rund 900 Kilometer nordöstlich von Moskau - die Vorwürfe gegen Nawalny nach dem dreimonatigen Prozess als erwiesen an. Der Familienvater soll 2009 als Berater des örtlichen Gouverneurs eine staatliche Holzfirma um umgerechnet rund 400 000 Euro geprellt haben. Nawalny habe dafür gesorgt, dass 10 000 Kubikmeter Holz weit unter Wert verkauft wurden. Blinow sprach von einem "Verbrechen". Beobachter kritisierten viele Verfahrensmängel in dem Prozess "ohne einen einzigen Beweis".

Der Regierungsgegner weist die Vorwürfe als politische Inszenierung des Kreml zurück. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Arbeitslager für Nawalny gefordert, um die Gesellschaft vor ihm zu schützen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Die offizielle Agentur für Gerichtsberichterstattung rapsinews.ru übertrug die Urteilsverkündung, die noch nicht rechtskräftig ist, live im Internet.

Deutsche Politiker reagierten bestürzt. "Der Fall Nawalny ist exemplarisch für eine Politik, die keine Formen von Opposition und politischem Wettbewerb duldet", sagte der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff, dem Sender hr-info. Er sprach von einem "Schauprozess". Der Menschenbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, teilte mit: "Mit diesem Urteil entfernt sich Russland einen weiteren Schritt von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit." Die Entscheidung des Gerichts sei ein neuer Schlag gegen die kritische Opposition in Russland.

Der Grünen-Europaparlamentarier und frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz betonte, Putin sei ein "unumschränkter Herrscher", der sich auf ein Scheinparlament und einen alles beherrschenden Geheimdienst stütze.

Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sagte, das Urteil beweise, dass es in Russland keine unabhängige Justiz gebe. Die prominente russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina sprach von einem "furchtbaren" Urteil, das sich negativ auf das Ansehen des Landes auswirken werde. Der Menschenrechtsrat des Kreml kündigte eine unabhängige Untersuchung des Falls an.

Der inhaftierte Putin-Kritiker Michail Chodorkowski nannte das Urteil "vorhersehbar und unvermeidlich". Der frühere Finanzminister Alexej Kudrin twitterte, dass der Schuldspruch weniger eine Strafe sei als das Ziel verfolge, den Kremlgegner von Wahlen und vom gesellschaftlichen Leben zu isolieren. Aktien an der Moskauer Börse gingen zeitweilig auf Sinkflug nach der Inhaftierung des Kämpfers gegen Vetternwirtschaft und Schmiergeldkultur.

In Moskau riefen Anhänger Nawalnys für den Abend zu einer "Volkswanderung" unweit des Kreml auf. Die Behörden warnten die Opposition vor ungenehmigten Protesten. Sicherheitskräfte riegelten den Manegenplatz im Stadtzentrum mit Metallgittern ab.

Richter Blinow verurteilte auch Nawalnys Geschäftspartner Pjotr Ofizerow zu vier Jahren Straflager. Zudem erhielten beide eine Geldstrafe von umgerechnet je 12 500 Euro.

Mehr als 100 Journalisten hatten sich schon in der Nacht vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Es gab nur 60 Plätze. Auch Nawalnys Eltern und seine Ehefrau sowie prominente Oppositionelle wie Ex-Vizeregierungschef Boris Nemzow waren im Gerichtssaal.

Nawalny war am Mittwoch als Kandidat für die Moskauer Bürgermeisterwahl am 8. September zugelassen worden. Die Wahlkommission betonte zwar, seine Bewerbung bleibe bestehen, bis das Urteil in Kraft sei. Allerdings kündigte Nawalnys Wahlkampfstab nun den Verzicht an.

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