Fort Meade (dpa) - Das US-Militärgericht in Fort Meade bei Washington fällt heute (19.00 MESZ) seinen Schuldspruch über den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning.

Die Richter wollen verkünden, in welchen der 20 Anklagepunkte Manning schuldig ist. Dem 25-jährigen Obergefreiten der US Army droht eine lange Haftstrafe - möglicherweise sogar lebenslänglich. Das Strafmaß soll erst im August verkündet werden.

Manning hat zwar gestanden, als im Irak stationierter Soldat 2010 Hunderttausende geheime Dokumente aus Armeedatenbanken an Wikileaks weitergereicht zu haben. Er habe dabei aber keine bösen Absichten gehabt. Genau diese Frage, ob er sich der "Unterstützung des Feindes" (aiding the enemy) schuldig gemacht hat, dürfte für das Strafmaß eine entscheidende Rolle spielen. Dieser schwerste Anklagepunkt sieht die Todesstrafe vor. Bereits vor Beginn des Verfahrens hatte die Staatsanwaltschaft zwar erklärt, diese nicht fordern zu wollen. Dennoch könnte dieser Anklagepunkt bedeuten, dass der 25-Jährige das Rest seines Lebens im Gefängnis verbringt.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist Manning ein Verräter, der den USA durch seine Enthüllungen Schaden zufügen wollte. Er habe auch um den Wert der an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergereichten Dokumente für den Feind gewusst, heißt es. Unter anderem seien die von Manning weitergegebenen Dokumente auf dem Computer des getöteten Terrorchefs Osama bin Laden gefunden worden - dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. Zudem soll Manning aus Eigennutz gehandelt haben, um die Gunst von Wikileaks und dessen Chef Julian Assange zu gewinnen, hatte Staatsanwalt Ashden Fein in seinem Schlussplädoyer argumentiert.

Verteidiger David Coombs porträtierte den Angeklagten dagegen als naiven Idealisten, der die Öffentlichkeit über den Krieg und Kriegsgräuel informieren wollte, um Menschenleben zu retten. Die Verteidiger hatten im Militärprozess immer wieder versucht, das drohende Strafmaß für den Obergefreiten zu verringern. Dieser hatte sich in den minder schweren Anklagepunkten für schuldig bekannt und damit bereits in Kauf genommen, dass er bei einer Verurteilung hinter Gitter kommt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung hatten vergangene Woche stundenlange Schlussplädoyers gehalten.

Wikileaks-Chef Assange sagte dem TV-Sender CNN in einem Interview: "Bradley Manning ist ein Held." Sein Handeln habe niemanden geschadet. Der Prozess sei Teil "des Krieges gegen investigativen Journalismus", den die USA führe.

Das Verfahren ist der erste große Prozess gegen einen sogenannten Whistleblower in den USA und könnte als Präzedenzfall für weitere bekannte Enthüller dienen - etwa für Assange und den Geheimdienst-Spezialisten Edward Snowden. Beide werden von den USA als Geheimnisverräter gesucht, beiden soll der Prozess gemacht werden.

Auch für den investigativen Journalismus in den USA könnte der Richterspruch auf Fort Meade Folgen haben, vermuten Beobachter. Whistleblower und Informanten, die Journalisten bei der Recherche mit vertraulichem Material versorgen, könnten abgeschreckt werden.

Assange auf CNN

Gerichtsdokumente

Blog Strafverteidiger David Coombs

Zeitungsanzeige in "New York Times"

Video Irak-Angriff

Website Manning-Unterstützer