Rom (dpa) - Die erste rechtskräftige Verurteilung Silvio Berlusconis hat im politische Italien Unruhe und nervöse Anspannung ausgelöst.

Die großen Regierungsparteien, Berlusconis PdL (Volk der Freiheit) und die linke Demokratische Partei (PD), forderten sich am Freitag gegenseitig auf, Verantwortungsbewusstsein zu zeigen und die Politik von dem Justizurteil zu trennen. Minister und Parlamentarier drückten die Hoffnung aus, dass das Urteil gegen die Leitfigur des rechten Lagers die Regierungskoalition Enrico Lettas nicht gefährdet.

Er hoffe darauf, dass die große Koalition weitermachen könne, das hänge aber nicht von ihr ab, sagte der für Regionales zuständige Minister Graziano Delrio. Ob die Regierung, die Italien aus der tiefen Wirtschaftskrise bringen und reformieren soll, das Vertrauen habe, entscheide immer das Parlament. "Wir müssen heute alle mit einem großem Verantwortungsbewusstsein die Interessen des Landes nach vorne rücken", so warnte die PD-Abgeordnete Alessandra Moretti vor einem eventuellen Sturz der Regierung Letta. Berlusconi werde die Stabilität der Regierung niemals zur Diskussion stellen, zeigte sich der PdL-Parlamentarier Gianfranco Rotondi überzeugt.

Berlusconi hatte noch am Abend der Urteilsverkündung verbittert den definitiven Schuldspruch schärfstens kritisiert. "Niemand kann die Gewaltattacke verstehen, die mir mit einer Reihe von Prozessen und Anklagen beschert wurde", sagte er in einer Videobotschaft nach seiner Verurteilung zu vier Jahren Haft wegen Steuerbetrugs. Ein Teil der Richter sei "verantwortungslos", die Prozesse gegen ihn nannte er eine "wirkliche und wahre juristische Verbissenheit" ohnegleichen. Am Abend will er mit seinen Fraktionschefs die heikle Lage erörtern.

Der Ex-Regierungschef will seinen "Kampf für die Freiheit" fortsetzen und seine Partei "Forza Italia", mit der er vor knapp 20 Jahren in die Politik eingestiegen war, neu aufleben lassen. Der Medienzar beklagte, dass sein Einsatz nicht gewürdigt werde: "So belohnt Italien die Opfer und das Engagement seiner besten Bürger."

Letta und Staatspräsident Giorgio Napolitano hatten mit einem Ruf nach Gelassenheit auf das Urteil reagiert. PD-Chef Guglielmo Epifani kündigte an, seinen rechten Koalitionspartner PdL jetzt genau zu beobachten. "Wir warten ab und schauen, was geschieht", sagte er am Freitag. Der Anführer der größten Oppositionsbewegung Fünf Sterne (M5S), Beppe Grillo, verglich die Verurteilung des politischen Gegners mit dem Fall der Berliner Mauer. Berlusconi sei wie eine Mauer gewesen, die Italien von der Demokratie getrennt habe.

Berlusconis Anwälte nahmen das Urteil wegen Steuerbetrugs gegen ihren Mandanten mit "Bestürzung" auf. "Wir werden jeder Möglichkeit folgen, auch auf europäischer Ebene, um sicherzustellen, dass dieses ungerechte Urteil grundlegend geändert wird", teilten sie mit.

Trotz der Verurteilung muss Berlusconi nicht ins Gefängnis. Drei der vier Jahre werden ihm nach einem Gesetz von 2006 erlassen. Den Rest kann er aus Altersgründen in Sozialstunden ableisten oder im Hausarrest. Er wird sich bis Mitte Oktober dazu äußern müssen.

Berlusconis Reisepass wird eingezogen. Ob er seinen Diplomatenpass als früherer Regierungschef abgeben muss, entscheidet das Außenministerium in Rom.