Köln (SID) - Die Enthüllungen über staatlich finanzierte Dopingforschung in Westdeutschland bringen immer weitere fragwürdige Studien an der Universität Freiburg ans Licht. Die Märkische Oderzeitung (MOZ) und die Main-Post berichten am Freitag unter Bezug auf Akten aus dem Bundesarchiv von Tierversuchen zur Erforschung von Auswirkungen von Anti-Baby-Pillen auf die Leistungsfähigkeit von Profi-Sportlerinnen. Zuvor waren bereits Beweise zur Dopingforschung mit Anabolika, Insulin sowie Wachstumshormonen, damals offenbar gewonnen aus Hirnanhangdrüsen von Leichen, öffentlich gemacht worden.

Am Freitag berichten die Zeitungen, dass in Freiburg Anfang der 1970er Jahre auch Tierversuche betrieben worden sind. So seien durch die leitenden Professoren Herbert Reindell und Joseph Keul beim Bundesinstitut für Sportwissenschaften (BISp) am 12. Oktober 1972 "Untersuchungen über die Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit der Frau a) von den verschiedenen Zyklusphasen b) von der Substitution mit Ovulationshemmern" beantragt worden. Dazu gehörte die Klärung der Frage, "zu welchem Zeitpunkt bei der Frau die höchste Reaktionsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit und muskuläre Leistungsfähigkeit besteht". Der vom BISp später genehmigte Antrag beinhaltete auch Tierversuche mit Hunden.

"Dem Tier wurde eine künstliche Verengung der Ausflussklappe des Herzens beigefügt", erklärte Professor Oliver Ritter von der Uniklinik Würzburg. Nach gewisser Zeit sei den Hunden das Herz zur Untersuchung entnommen worden. Ritter stufte die Tierexperimente als aus heutiger Sicht "ethisch verwerflich und illegal" ein.

Der Sporthistoriker Erik Eggers erhob in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung derweil schwere Vorwürfe gegen BISp und das übergeordnete Innenministerium. Eggers hatte an der vom BISp in Auftrag gegebenen Studie "Doping in Westdeutschland von 1950 bis heute" mitgewirkt, deren letzter Teil über die Zeit von der Wende bis heute unter Verweis auf Datenschutzbedenken noch immer nicht veröffentlicht worden ist.

"Wir wissen inzwischen, dass das BISp noch im Jahr 1977 empfahl, anabole Steroide im Leistungssport anzuwenden, also drei Jahre nach dem Verbot der Anabolikaeinnahme durch das Internationale Olympische Komitee", schrieb Eggers: "Das BMI (Bundesinnenministerium, d. Red.) also scherte sich nicht um Recht und Ethik im Sport. Und auch die Gesundheit der Athleten war den BMI-Beamten und den Freiburger Sportmedizinern damals gleichgültig."

Derweil erhöhen Oppositionspolitiker den Druck. Nachdem Viola von Cramon, Sportpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, "vorbehaltlose Aufklärung" gefordert hatte, sagte Peter Danckert (SPD), langjähriger Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, der MOZ: "Wir müssen die Geschichte des deutschen Dopings neu schreiben. Es war in der Bundesrepublik lediglich nicht so massenhaft verbreitet wie in der DDR. Außerdem müssen jetzt endlich alle Fakten auf den Tisch. Die bedrückende Streiterei um die mit Bundesmitteln geförderte Doping-Aufarbeitung muss ein Ende haben."

Danckert kritisierte neben der Koalition auch den Deutschen Olympischen Sportbund. "Der DOSB macht zu wenig Druck. Es drängt sich der Eindruck auf, dass bei Sportfunktionären und verantwortlichen Politikern der Wille für einen effektiven Anti-Doping-Kampf fehlt", sagte Danckert, der das Argument, die Dopingstudie aus datenschutzrechtlichen Gründen zurückzuhalten, nicht gelten lassen will: "Ich finde das an den Haaren herbeigezogen. In dieser wissenschaftlichen Studie dürfen Datenschutzfragen keine wesentliche Rolle spielen. Sonst können wir gleich aufhören. Der Datenschutz ist ein vorgeschobenes Argument, das mich weder als Politiker noch als Jurist überzeugt."