Hamburg (dpa) - Eine Trainerposse beim Hamburger SV sorgt für Rätselraten. Wer wird denn nun neuer Coach beim Fußball-Bundesligisten: Der Niederländer Bert van Marwijk oder der Schweizer Christian Gross oder ein ganz anderer?

An dem neuesten Wirrwarr hat der Bundesligist aber nur geringen Anteil. Am Samstagabend hatte sich van Marwijk höchstselbst als Nachfolger des beurlaubten Thorsten Fink verkündet. Zahlreiche niederländische Medien berichteten, der einstige Bondscoach der Oranjes erhalte einen Zweijahresvertrag mit Option auf eine weitere Spielzeit. Er bringe als Co-Trainer Roel Coumans von Fortuna Sittard mit.

Der HSV bestätigte das nicht. «Wir sind mit ihm im Gespräch, und mehr gibt es jetzt dazu nicht zu sagen», erklärte HSV-Mediendirektor Jörn Wolf. «Wir geben keine Wasserstandsmeldungen», verkündete Präsident Carl Jarchow. Warum die Zurückhaltung, wurde am Sonntag deutlich. Da soll nach Informationen des TV-Senders Sky Sport News Sportchef Oliver Kreuzer nach Zürich geflogen sein, um mit dem Schweizer Trainer Christian Gross zu verhandeln. Der 59-Jährige hatte unter anderen Tottenham Hotspur und den VfB Stuttgart betreut.

Van Marwijk zeigte sich überrascht von der neuen Entwicklung. «Ich hatte gute Gespräche mit dem HSV. Eigentlich gab es keine Probleme mehr. Aber es ist noch nichts unterschrieben», sagte er in Sky Sport News. Im niederländischen Fernsehsender NOS hatte er zuvor über den HSV geschwärmt: «Das ist ein großartiger Club mit einer gewaltigen Tradition.» Von den Verhandlungen der Hamburger mit Gross wusste der Niederländer nichts. «Darüber kann ich gar nichts sagen», meinte er. Er habe am vergangenen Mittwoch mit seinem Berater und Kreuzer gesprochen. Jetzt spreche er nur noch mit seinem Berater.

Falls der ehemalige Oranje-Coach nach Hamburg kommen sollte, hat er Schwerstarbeit vor sich. «Man sieht, dass es eine Mannschaft ist, die verunsichert ist», sagte van Marwijk nach dem 0:2 im Nordderby gegen Werder Bremen. «Das wichtigste ist jetzt, dass Ruhe reinkommt.» Ein Zauberer sei er jedoch nicht.

Ob der mit Geldscheinen wedelnde Milliardär und Felix-Magath-Vollblutfan Klaus-Michael Kühne etwas an van Marwijk oder Gross zu bemäkeln hat, ist noch nicht überliefert. Bislang hat der 76 Jahre alte Investor bei allen amtierenden Personen im Verein und möglichen Trainer-Kandidaten wie dem ehemaligen Werder-Coach Thomas Schaaf den Daumen gesenkt. «Ich will doch keinen Einfluss nehmen, ich sage nur meine Meinung», beteuerte der in der Schweiz und auf Mallorca lebende Logistik-Unternehmer. HSV-Sportchef Kreuzer platzt beinahe der Kragen, wenn er auf Kühne angesprochen wird. «Wenn ein älterer Herr aus Mallorca mir etwas über die Bundesliga erzählen will, wird das irgendwann zur Posse und peinlich», wetterte Kreuzer. «Diese Statements von dem - das ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten.»

Die Hamburger benötigen dringend einen geführten Aufbruch. Nach der Niederlage im Nordderby sind sie noch weiter abgestürzt und riechen die muffige Kellerluft im Ligahaus. Es stinkt gewaltig nach Abstieg. Nur eine von sechs Partien in dieser Saison gewonnen, vier verloren und mit 17 Gegentoren die meisten unter allen 18 Bewerbern kassiert - das ist fürwahr nicht erstligareif. «Das hatte mit Bundesliga-Fußball nichts zu tun», zürnte Kreuzer.

Als Trainer Thorsten Fink fünf Tage zuvor die Tür gewiesen wurde, hoffte die Vereinsführung noch auf den Neue-Besen-Effekt. Aber auch Interimscoach Rodolfo Cardoso konnte im Zusammenspiel mit A-Jugendtrainer Otto Addo kein Feuer entfachen. Die Mannschaft wollte, aber sie konnte nicht. Die Profis waren verkrampft, verunsichert, brachten kaum eine Ballstafette zustande. «Wo war die Gier? Wo war die Aggressivität? Wo war der unbändige Wille? Das verstehe ich nicht», grollte Kreuzer.

Kapitän Rafael van der Vaart freut sich derweil schon auf van Marwijk. «Er wäre gut für uns», meinte er über seinen Landsmann. «Es wäre wichtig, dass ein Trainer kommt, der mit neuen Ideen Frische reinbringt. Dann schaffen wir die Wende.» Bitter allerdings, dass die Hamburger nicht nur Dennis Diekmeier wegen Fußbruchs ersetzen müssen, jetzt fehlt auch Tomas Rincon für einige Wochen. Der Venezolaner erlitt einen Kieferbruch und wurde operiert.

Dagegen sind die Sorgen der Bremer deutlich kleiner geworden. Der Abwärtstrend nach drei Niederlagen ist gestoppt, die Mannschaft schafft in einem Spiel mehr als ein Tor und springt ins Mittelfeld der Tabelle, Stürmer Nils Petersen trifft nach sieben torlosen Monaten gleich doppelt. «Mit einer Leistung wie heute haben wir mit dem Abstieg nichts zu tun», verkündete Stürmer Aaron Hunt.