Berlin (dpa) - Die SPD bleibt bei ihrem Kernthema Mindestlohn gegenüber der Union hart - trotzdem weisen die Signale in Richtung große Koalition.

In Berlin sondierten CDU, CSU und SPD am Montag zum zweiten Mal die Chancen für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Nach mehr als drei Stunden drangen noch keine Zwischenstände nach außen. CSU-Chef Horst Seehofer hatte zuvor die Präferenz für eine Regierung mit den Sozialdemokraten unterstrichen. Notfalls könnte es weitere Sondierungen geben. Bei den Grünen wuchs vor dem zweiten Treffen mit der Union am Dienstag die Skepsis gegenüber Schwarz-Grün.

Für die SPD ist ein Mindestlohn unverzichtbar. "Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Wir reden über einen gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro in Ost und West", betonte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Obwohl die Union gegen eine gesetzliche Regelung ist, gab es dennoch Stimmen, die von einer Einigung ausgingen.

Nahles hatte Forderungen nach unterschiedlichen Mindestlöhnen in Ost und West sowie den Hinweis von CDU-Chefin Angela Merkel auf die Tarifautonomie zurückgewiesen. Niedersachsens SPD-Regierungschef Stephan Weil nannte den Mindestlohn im "Handelsblatt" (Dienstag) "ein ganz essenzielles Anliegen". Erfreulicherweise höre er "auch in der Union viele Stimmen, die unsere Auffassung teilen".

CDU und CSU wollen keinen gesetzlich festgelegten Mindestlohn, sondern durch eine Tarifkommission ausgehandelte regional- und branchenspezifische Lohnuntergrenzen. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) sagte im rbb-Inforadio aber, die Union müsse bereit sein, einen flächendeckenden Mindestlohn zu akzeptieren - sonst werde es keinen schwarz-roten Koalitionsvertrag geben.

Die Unterhändler von Union und SPD kamen in der Parlamentarischen Gesellschaft nahe des Reichstagsgebäudes zusammen. Sie wollten tief in die inhaltliche Debatte einsteigen. Über die Besetzung von Ministerien sollte zunächst nicht gesprochen werden.

Nahles sagte vor dem Treffen, es gehe darum, Erkenntnisse zu sammeln, "ob die Plattform stabil ist, ob es reicht". Sie ließ offen, ob die SPD-Spitze anschließend eine Beschlussempfehlung für den Parteikonvent am Sonntag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen abgeben könne. Nahles hielt es wie Seehofer für möglich, dass es eine dritte Sondierungsrunde gibt.

Seehofer sagte über Schwarz-Grün: "Ich kann nicht vier Jahre durchs Land laufen und sagen, das ist ein schönes Experiment." Die CSU werde in einer Telefonkonferenz am Mittwoch oder Donnerstag entscheiden, mit wem sie lieber über eine Koalition verhandeln will. Auch die CDU will diese Woche eine Entscheidung treffen. Zur Einschätzung von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), eine neue Regierung könne schon bis zum SPD-Parteitag Mitte November stehen, sagte Seehofer: "Das erscheint mit sehr anspruchsvoll."

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe und sein CSU-Kollege Alexander Dobrindt legten laut "Bild"-Zeitung mit Grünen-Chef Cem Özdemir Themen für das schwarz-grüne Treffen fest. Die Union will auch mit den Grünen über Europa, Finanzen, Soziales, Föderalismus, Wirtschaft, Innere Sicherheit und Außenpolitik reden. Laut "Leipziger Volkszeitung" wollten Gröhe und Dobrindt ein Angebot zur Begrenzung von Leih- und Zeitarbeit, für eine Solidarrente und zur Einführung von flächendeckenden Mindestlöhnen erarbeiten.

Im Parteirat der Grünen war man sich am Montag laut Teilnehmern weitgehend einig, dass es nicht nach Schwarz-Grün aussieht. "Vielleicht überrascht uns die Bundeskanzlerin, vielleicht überrascht uns Herr Seehofer mit irgendetwas", sagte Özdemir.

Die SPD ist bereit, von ihrer Forderung nach Abschaffung des Betreuungsgeldes abzurücken: Sie wolle für ein Modell werben, wonach die Länder mit Hilfe einer Öffnungsklausel selbst entscheiden können, ob sie die Leistung auszahlen wollen oder nicht, schrieb der "Spiegel". Die CSU will davon nichts wissen. "Wir werden das Betreuungsgeld den zahlreichen Eltern und Kindern, die in ganz Deutschland davon profitieren, ganz sicher nicht wieder wegnehmen", sagte CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt der "Welt".