Nürnberg (dpa) - Mit großem Selbstbewusstsein hat der alte und neue Präsident Wolfgang Niersbach die Machtmaschine DFB in Stellung gebracht. Die Wahl war beim 41. Bundestag wie erwartet unspektakulär, dafür sorgten die Botschaften an die ganze Fußballwelt für Aufsehen.

Scharfe Kritik an der umstrittenen WM in Katar, eine frühe Bewerbung für die EM 2024, der Glaube an den WM-Titel im kommenden Jahr in Brasilien und ein millionenschwerer Masterplan für die eigenen Amateure - mit Niersbach an der Spitze soll der deutsche Fußball auch in den kommenden Jahren maßgeblich den Ton angeben.

«Ich verspüre mehr Lust als Last, viel mehr Freude als manchmal Frust», erklärte der alte und neue Verbandschef zu seiner weiteren Zeit als DFB-Vorsitzender bis 2016. Die 253 Delegierten in Nürnberg wählten den 62-Jährigen am Freitag einstimmig - nach Enthaltungen oder Gegenstimmen wurde erst im Laufe der Sitzung mit einstündiger Verspätung gefragt, als Jurist Rainer Koch der Fauxpas auffiel. «Danke für das Vertrauen», sagte Niersbach.

Der ehemalige Sportjournalist und DFB-Generalsekretär hatte das Amt im März 2012 von Theo Zwanziger übernommen, der seinen Nachfolger zuletzt noch wegen fehlender Einmischung in der Katar-Frage kritisiert hatte. Seine Wahl wertete Niersbach als Einverständnis für seinen Führungsstil «als bekennender Team-Player, als Spielführer eines großen und hoch engagierten Teams: Ich fühle mich nicht als Machtmensch», unterstrich der starke Mann des Verbandes.

Den Moment der Wiederwahl nutzte Niersbach zu klaren strategischen Aussagen. Die Vergabe der WM 2022 an Katar «zieht sehr problematische Kreise», betonte er und monierte besonders die fehlende Einhaltung von Menschenrechten. «Die FIFA muss bis zum Jahreswechsel 2014/2015 Antworten geben auf viele brennende Fragen. Dazu gehört auch die politische Einflussnahme», ergänzte Niersbach. Das umstrittene Championat am Golf sei eine «Belastung für den ganzen Fußball».

In bislang nicht gekannter Schärfe fügte Ligapräsident Reinhard Rauball hinzu: «Es ist klar, eine WM darf nicht auf einem System aufbauen, das sklavenähnlich ist.» Niersbach betonte, dass er bis vor kurzem keine Kenntnis über die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar gehabt habe. Dort sollen laut Medienberichten allein in diesem Sommer 44 Gastarbeiter aus Nepal gestorben sein.

Zudem sei eine notwendige Umgestaltung der Spielpläne in Europas Spitzenligen durch die Verschiebung der WM in die Wintermonate eine große Belastung, kritisierte Rauball: «Es ist mehr als ärgerlich, wenn der europäische Vereinsfußball als Reparaturbetrieb für eine offensichtlich falsche Entscheidung herhalten muss.»

Niersbach setzt in seiner ersten ordentlichen Amtszeit ausdrücklich auf das weitere Miteinander von Amateur- und Spitzenfußball. «Unsere Amateure - echte Profis», heißt es im umfangreichen Masterplan des Verbandes, den der Präsident zur Stärkung der Jugend- und Amateurarbeit umsetzen will. Im Mittelpunkt des Bundestages aber standen die großen Themen des Profi- und internationalen Fußballs.

Mit der frühzeitige Ankündigung einer Bewerbung um die EM 2024 schürte der Präsident schon jetzt die Vorfreude auf ein mögliches neues Sommermärchen. «Das DFB-Präsidium hat 1992 den Beschluss zur WM-Bewerbung 2006 gefasst, 14 Jahre vor dem Turnier», begründete Niersbach die überraschende Ankündigung: «Also ist die EM 2024 ein Fernziel, eine Langzeitplanung. Es ist ein klares Ziel, eine Vision.»

Ein Ziel ist auch der WM-Titel 2014 in Brasilien: «Wir wollen Weltmeister werden. Aber andere Nationen sagen das mit ähnlichem Selbstbewusstsein», erklärte Niersbach und lobte den mit einem neuen Vertrag bis 2016 ausgestatteten Joachim Löw: «Er ist einen großartigen Weg gegangen, der lange noch nicht zu Ende ist.»

Der Bundestrainer verfolgte die zweitägige Veranstaltung wie UEFA-Präsident Michel Platini im Auditorium. «Die Verantwortung spürt man schon, dass wir als A-Nationalmannschaft das Flaggschiff des DFB sind», sagte Löw: «Auf der anderen Seite gibt es beim DFB viele Leute, die angestellt sind oder die an der Basis im Ehrenamt arbeiten. Ohne diese Leute könnten wir gar nicht in dieser Form arbeiten.» Wirtschaftlich sorgt das Nationalteam maßgeblich dafür, dass der DFB seine Arbeit im Amateurbereich - wie in dem 2,5 Millionen Euro schweren Masterplan geplant - ausweiten kann. 71,7 Millionen Euro der DFB-Gesamteinnahmen von 211 Millionen Euro des Jahrs 2012 stammen aus dem Spielbetrieb der Nationalmannschaft.

Dass der DFB jetzt schon ein großes Vorbild und Erfolgsmodell ist, betonte Platini. «In einem Moment, in dem ganz Europa über eine Ausbildungskrise, langweilige Ligen, halbleere Stadien und Clubs am Rande des Bankrotts lamentiert, sprüht der deutsche Fußball nur so vor Gesundheit», sagte der Franzose und ergänzte: «Die Erfolge sind nicht vom Himmel gefallen, sondern beruhen auf der konsequenten Umsetzung eines durchdachten Gesamtkonzepts und auf der couragierten Verteidigung der traditionellen Werte des Fußballs.»