Mailand (dpa) - Als seinen 100. Gegner wählte Bundestrainer Joachim Löw ganz bewusst Italien aus, um sieben Monate vor der Fußball-WM gegen «unseren Angstgegner bei Turnieren» die Titelreife seiner Kandidaten für die Brasilien-Mission zu überprüfen.

Löw will's beim Jubiläum wissen - mit allen Risiken und Nebenwirkungen. «Ich erwarte, dass die Spieler Gas geben. Es besteht eine gewisse Spannung, auch wenn es kein Qualifikationsspiel ist», sagte der Bundestrainer.

Um die richtige Einstellung am Freitagabend in Mailand und auch vier Tage später in London gegen England sorgt sich die Sportliche Leitung nicht. «Vor solchen Partien braucht man keine Motivationsrede», sagte Teammanager Oliver Bierhoff am Donnerstag nach der Ankunft im Teamhotel. Der einstige Torjäger des AC Mailand musste in vertrauter Umgebung Zweifel an einem «vollen Einsatz» von Spielmacher Mesut Özil anmelden: «Er schleppt diese Grippe noch mit.» Es gebe daher das Risiko eines Rückschlages. Özil nahm aber später am Abschlusstraining des 22-köpfigen DFB-Kaders teil - und das bei fiesem November-Regen sogar in kurzer Hose.

Philipp Lahm, der in Italien gerne Urlaub macht, erinnerte an zahlreiche «bittere Niederlagen» gegen den viermaligen Weltmeister: «Fußballerisch ist es nicht mein Traumgegner, Italien ist einer der wenigen Angstgegner von Deutschland», sagte der 30-jährige Münchner. «Aber wir haben die Chance, eine andere Geschichte aufzubauen.»

Die Premiere im weißen WM-Dress mit roten Bruststreifen wird auch die Stimmung in Deutschland für 2014 vorgeben. Ein Erfolg würde nach dem bitteren Halbfinal-K.o. bei der EM 2012 die Moral stärken und den Italien-Komplex verringern. «Ein Sieg in einem Testspiel ist ein guter Anfang. Wenn wir uns in Brasilien wiedersehen sollten, könnten wir dafür sorgen, dass das mit dem Angstgegner endgültig gestrichen wird», beschrieb Abwehrspieler Jérome Boateng die Ausgangslage.

Knapp 17 Monate nach dem 1:2-Schock von Warschau, «der an den Nerven gezehrt hat», wie Löw einräumte, müssen seine Spieler und nicht zuletzt er selbst gegen Deutschland-Schreck Mario Balotelli beweisen, dass man dazugelernt hat. «Die Italiener sind Meister der Anpassung», schwärmte Löw über die Taktik-Asse von Coach Cesare Prandelli. Anpassen und umstellen im Spiel, das ist immer noch die markante Schwäche der deutschen Elf und ihres Fußballlehrers Löw - man muss nur an das letztjährige Wahnsinns-4:4 gegen Schweden nach 4:0-Führung denken. Auch Löw wird seitdem kritischer gesehen in der Öffentlichkeit. «Aber das muss er als Bundestrainer aushalten», erklärte Bierhoff in Mailand.

Die Kraftprobe wird zum Prüfstein für Offensive und Defensive. Neben dem Gewinnen (7:15 Siege) fällt Deutschland gegen Italien auch das Toreschießen schwer; 35 Treffer gab es in 31 Duellen. Eine Fortsetzung des offensiven Feuerwerks in der WM-Saison mit mindestens drei Toren in jeder der bislang fünf Partien wäre ein WM-Gütesiegel. Hinten ist die Leistungskurve wechselhafter: Dreimal stand die Null, gegen Paraguay (3:3) und Schweden (5:3) herrschte Chaos. «Klar, ist die Abwehrdebatte da», gab Manuel Neuer zu, der im Tor stehen wird.

Auf dem kurzen, ruhigen Charterflug von München nach Mailand konnte Löw am Donnerstag beim Blick auf die von Schnee bedeckten Alpen weiter darüber grübeln, wie mutig oder vorsichtig er den Italienern entgegentreten möchte. Die ursprünglich fest für die Top-Elf eingeplante Achse mit Abwehrchef Per Mertesacker (Grippe), Mittelfeld-Organisator Bastian Schweinsteiger (Fuß-OP) und Torjäger Miroslav Klose (Schulterblessur) ist komplett weggebrochen.

«Die Bedeutung des Spiels ist hoch», beharrte Löw trotz der Personalsorgen. Plan B kann auch mal in einem Turnier notwendig werden. Jérome Boateng und Mats Hummels müssen beweisen, dass sie als Innenverteidiger-Pärchen doch harmonieren und gemeinsam Balotelli stoppen können. Sami Khedira macht Löw verantwortlich für die defensive Organisation im Mittelfeld. Große Erwartungen setzt er auch in den «bei uns zuletzt sehr starken» Toni Kroos.

In der von Bayern München und Borussia Dortmund dominierten Elf werden Marco Reus und Thomas Müller die starke Flügelzange bilden. Beide sind Löw außen zu wertvoll, um mit einem von ihnen das Angriffs-Vakuum nach dem Ausfall der Topstürmer Klose und Mario Gomez zu füllen: Der Gladbacher Max Kruse bereitete Löw im Training «viel Freude». Aber auch Mario Götze sei vorne «eine gute Alternative». Kapitän Lahm kündigte ein mutiges DFB-Team an: «Wir sind nicht die Mannschaft, die auf Abwarten spielt.» Das kann Italien viel besser.

Die vorraussichtlichen Aufstellungen:

Italien: Buffon (Juventus Turin/35 Jahre/136 Länderspiele) - Abate (AC Mailand/27/16), Barzagli (Juventus Turin/32/45), Bonucci (Juventus Turin/26/34), Criscito (Zenit St. Petersburg/26/20) - Marchisio (Juventus Turin/27/40), Pirlo (Juventus Turin/34/105), Montolivo (AC Mailand/28/54), Thiago Motta (Paris St. Germain/31/18) - Osvaldo (FC Southampton/27/12), Balotelli (AC Mailand/23/27)

Deutschland: Neuer (Bayern München/27/43) - Lahm (Bayern München/30/103), Boateng (Bayern München/25/34), Hummels (Borussia Dortmund/24/26), Schmelzer (Borussia Dortmund/25/14) - Khedira (Real Madrid/26/43), Kroos (Bayern München/23/39) - Müller (Bayern München/24/46), Özil (FC Arsenal/25/51), Reus (Borussia Dortmund/24/17) - Götze (Bayern München/21/24)

Schiedsrichter: Benquerenca (Portugal)