Costa do Sauípe (dpa) - Als brasilianische Fußballfans am Tag vor dem Startschuss zur Traum-WM ihre Zeitung aufschlugen, wurden sie von einem ungewöhnlichen Gruß aus dem fernen "Almanha" überrascht.

"Vocês nem imaginam o quanto de Brasil existe dentro de nós!", übermittelten der deutsche Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm und Kollegen in ganzseitigen Anzeigen an den Zuckerhut: "Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Brasilien in uns steckt."

Mit der ungewöhnlichen Grußaktion beispielsweise in der Zeitung "Foilha de Sao Paulo" kurz vor der WM-Auslosung am Freitag in Costa do Sauípe, an der auch Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff teilnehmen, will der dreimalige Weltmeister Deutschland ausdrücken: Wir wünschen der WM 2014 viel Erfolg. Noch gibt es auch in der brasilianischen Bevölkerung Skepsis, ob das Megaereignis für das Land wirklich Fortschritte bringt.

Löw selbst lernte zusammen mit seinen 31 Trainer-Kollegen im Teamseminar organisatorische Besonderheiten und spezielle Details für das Turnier vom 12. Juni bis 13. Juli 2014 kennen. Die Vorrunden-Gegner bekommt der Bundestrainer vor Ort am Freitag serviert - auch Lothar Matthäus wird an der brasilianischen Atlantikküste die Lose aus den Töpfen ziehen. "Natürlich wünsche ich mir nach 24 Jahren wieder einen WM-Titel. Ich traue ihnen das auch zu", sagte der deutsche Rekordnationalspieler: "Aber viele träumen davon."

Löw hat vor der Gruppenauslosung eine persönliche Favoritenliste eins plus zehn für den Titelkampf im kommenden Sommer aufgestellt. "Brasilien ist der Topfavorit mit dieser Urkraft und Energie zu Hause", erklärte der Bundestrainer vor dem Los-Spektakel im Küstenort Costa do Sauípe. Der Gastgeber habe eine neue Qualität. "Das Team steht über dem Individualismus. Dazu kommt der Heimvorteil als Trumpfkarte", betonte Löw, der mit seinem Team selbst den ganz großen Coup schaffen will.

Ein Selbstläufer aber werde schon die Gruppenphase nicht, warnte Löw nochmals. Obwohl Deutschland wie die Brasilianer in Lostopf eins gesetzt ist und in der Vorrunde nur auf ein weiteres europäisches Team wie Italien treffen kann, könnten beispielsweise mit der Elfenbeinküste und den von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann gecoachten US-Amerikanern starke Konkurrenten warten. Gegen die USA musste das DFB-Team, allerdings in Notbesetzung, in diesem Jahr die einzige Länderspiel-Niederlage einstecken (3:4).

Neben den Brasilianern ordnete Löw zwei weitere gesetzte Teams aus Südamerika in die Gruppe der Titelanwärter ein. "Argentinien ist seit 2010 wieder sehr stark geworden. Kolumbien steht völlig zurecht so weit vorn in der Weltrangliste, eine physisch, technisch-taktisch hervorragende Mannschaft", urteilte der DFB-Chefcoach, der zudem eine Anzahl von starken Verfolgern sieht: "Chile und Mexiko sind immer für Überraschungen gut."

Löw sieht den fünften Titelkampf in Südamerika - bisher blieb dabei der Titel immer auf diesem Kontinent - als große Herausforderung. "Die Südamerikaner kennen Europa, viele spielen dort. Aber europäische Spieler, deutsche Spieler, spielen nie in Südamerika. Man kann diese Erfahrungen den Spielern nicht nur durch Reden nahebringen", sagte Löw: "Man muss mit dem Schwierigsten rechnen, vielleicht großer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit, wenn man in der Amazonas-Region spielt, langen Reisen. Man muss Umstände bedingungslos annehmen."

Die Liste der direkten WM-Favoriten ist für den 53-Jährigen noch länger: "Bei den Europäern ist es nach wie vor Spanien. Es ist natürlich Italien mit seinen großen taktischen Fähigkeiten. Die Niederlande sind mit Trainer Louis van Gaal auch wieder sehr stark geworden, haben in der Qualifikation gut gespielt. Frankreich kann immer weit kommen. Belgien ist vielleicht so etwas wie der Geheimfavorit", bemerkte der Bundestrainer. Außerdem hätten 2014 einige Teams das Potenzial, die Großen zu ärgern: "Bei den Asiaten ist Japan stark."